Pünktlichkeit

An sich finde ich Pünktlichkeit gut. Nur leider stehen die Pünktlichkeit und ich auf Kriegsfuß. Nicht bei wichtigen Terminen; dann bin ich eher überpünktlich. Aber im normalen Alltag tue ich Trödelliese mir schwer.

Deshalb ist mein Credo: Männer müssen warten können. Das beginnt schon bei der Balz. Zuerst müssen sie warten können, bis die Angebetete ihnen ein Lächeln schenkt und sie zu weiteren Zuneigungsbekundungen auffordert. Dann müssen die Männer auf ein Zeichen ihrer Gunst warten, um sie zu verführen. Wagt ein liebestoller Romeo sich zu früh vor, kehrt ihm die Dame seines Herzens prompt den Rücken. Wartet er zu lange, ist der Zug abgefahren, und er kann ihm nur noch verdrossen hinterherwinken.

Freilich funktioniert dieser Vorgang auch umgekehrt. Radikalfeminismus, Emanzipation, Aufklärung, Revolution der Frau – haben wir schließlich alles schon hinter uns. Auch Frauen dürfen erobern. Aber seien wir ehrlich: Frauen erwarten in dieser Angelegenheit das unterwürfige, auf ihren Wink hin immer wieder aufs Neue angestachelte und immer einen Schritt weiter gehende Liebeswerben. Selbst eine Gehirnwäsche in Form von mehrwöchiger, unablässiger Lektüre aller in den vergangenen 30 Jahren erschienen Emma-Zeitschriften ändert an diesen heimlichen, weiblichen Wünschen nichts.

So ist es auch nach zehn Beziehungsjahren noch ein Zeichen ihrer Liebe, wenn Männer lakaienhaft auf dem Wohnzimmersofa warten, als sei es die Bushaltestelle, viertel nach zwölf in der Nacht und der nächste Nachtexpress erst vor fünf Minuten abgefahren, während die Frau sich im Badezimmer fürs Ausgehen aufhübscht. Frauen können nämlich nie pünktlich fertig sein. Nie. Es gibt lediglich verschiedene Stadien des Fortschritts, die Männer fälschlicherweise als das sofortige Zeichen zum Aufbruch deuten. „Ich bin gleich soweit“ heißt nämlich nicht „Nur noch Schuhe an, dann können wir gehen“. Sondern es heißt: „Ich habe jetzt geduscht und muss mich nur noch föhnen, schminken und mein Handtäschchen packen.“ Dauer: circa eine dreiviertel Stunde.

Treffen er und sie sich zu einem Blind Date , ist die goldene Regel für eine Frau: Nie pünktlich kommen. Denn das würde bedeuten: Du hast mich bereits erobert, ich liege dir zu Füßen. Der Auftritt ist darüber hinaus effektreicher, wenn er bereits bei Kerzenschein im Restaurant sitzt, während sie die Räumlichkeiten betritt und erhaben auf den Tisch zuschreitet, um von ihm begrüßt zu werden.

Erscheint der Mann hingegen zu spät, ist das unhöflich. Der einzige Anlass, bei dem ein Mann sich Zeit lassen sollte zu kommen, ist die körperliche Vereinigung. Falls dahingehend Unsicherheiten bezüglich des perfekten Zeitpunktes bestehen, geben wir unserem Helden gerne ein Zeichen, das ihm bei der Orientierung hilft. Wie damals bei der Balz.

–nessy

Wer mich kennt, weiß, dass ich zu vereinbarten Verabredungen stets überpünktlich erscheine. Eine selten genug eintretende Verspätung meinerseits löst entweder einen besorgten Anruf oder eine rügende Zurechtweisung aus. Oder beides. Ein Schicksal, das ich mit vielen Männern teile, denn Männer haben nun mal pünktlich zu sein, sie müssen funktionieren.

Frauen hingegen dürfen sich Zeit lassen, und sie tun es auch. Eine zu spät kommende Frau ist nicht einmal unhöflich, denn je nach Anlassfall hat ihre Unpünktlichkeit eine spezifische Bedeutung.

Eine Frau bei einem Date warten zu lassen ist gleichbedeutend mit einem schon zu Beginn festgelegten Scheitern des zumindest männlich intendierten abendlichen Ziels. Eine Frau hingegen muss zu spät kommen, schließlich muss sie wenigstens anfangs noch den Schein wahren, die Lage wäre aus männlicher Perspektive noch nicht entschieden. Desinteresse durch Unpünktlichkeit vorzutäuschen ist eine Möglichkeit. Frau will nämlich erst einmal erobert werden.

Die Eintreffreihensfolge der Teilnehmer an einem geschäftlichen Meeting folgte früher einer der Firmenhierarchie entsprechenden Analogie. Vorgesetze ließen ihre Untergebenen gerne warten, um jenen deren Unabdingbarkeit für weitaus wichtigere Dinge zu demonstrieren als sich zeitraubenden Diskussionen mit den Befehlsempfängern auszusetzen. Nachdem Vorgesetzte jedoch in überbezahlten Managementkursen soziale Kompetenz erworben haben, erscheinen selbst diese pünktlich zu Besprechungen, in der Absicht, sich bei ihren nunmehrigen Mitarbeitern als volksnahe zu tarnen. Frauen dürfen auch weiterhin zu spät erscheinen. In der immer noch von Männern geprägten Businesswelt gleichen sie das vergleichsweise niedrigere Gehalt durch Hervorstreichen der eigenen Bedeutung für das ansonsten bedeutungslose Thema der Besprechung seiende Projekt aus.

In allen anderen Fällen weiblicher Unpünktlichkeit muss sie sich erst schön für uns machen. Und obschon das zweifellos seine Richtigkeit hat, tun wir tunlichst gut daran, der Begründung für das späte Erscheinen ein “als ob du dich noch schöner machen könntest” zu entgegnen. Trotz und wegen unserer kleinen Höflichkeitslüge sehen wir über die Verspätung wohlwollend hinweg, denn ehrlicherweise müssen wir uns eingestehen, dass einer pünktlichen Frau ein Teil ihres Charmes fehlt. Eine allzu korrekte Frau – wer will das schon?

Es gibt allerdings eine Gelegenheit, bei der die Herangehensweise an das Thema Pünktlichkeit beiderseits genau konträr ausfällt. Mangels Ausdauervermögens hofft der Mann, dass die am Liebesspiel partizipierende Frau möglichst rasch den Höhepunkt erreicht, während die Frau ihrerseits darauf baut, dass er sich endlich einmal Zeit lässt und die Vorzüge des Verzögerns erkennt, zumindest die für sie.

–Der Baron

11 / Juni / 2007  ExtraPackung  Comments (7)
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