Zeitschriften.

Bereits in frühester Jugend entwickelte ich eine ausgeprägte Schwäche für Qualitätsjournalismus. Investigativ recherchierte Fakten, niedergeschrieben in nüchtern-analytischem Stil – ich ahnte schon im zarten Grundschulalter, dass dies die Mittel der Wahl sind, um die verrohte Gesellschaft vor sich selbst und ihrer korrupten Führung zu schützen.

Ebenso früh wie ich Gefallen an sowohl bezüglich der Recherche- als auch der sprachlichen Leistung stimmigen Texten fand, zogen mich die Werke des professionellen Fotojournalismus in ihren Bann. Insbesondere Aufnahmen von Personen der relativen Zeitgeschichte waren mir, die ich Familienfeiern gerne mit meiner Pocketkamera für die Nachwelt dokumentierte, Inspiration und Maßstab zugleich.

Es wird den aufmerksamen Leser deshalb nicht verwundern, wenn ich als eine der Lieblingslektüren meiner Kindheit das „Goldene Blatt“ nenne. Jene Publikation, die ihre geneigte Leserschaft glaubwürdig sensibel über die Geschehnisse in der höheren Gesellschaft informiert – für Schlagzeilen wie „Doktor Brinkmann: Jetzt ist er tot!“ benötigt man einfach Feingeist und Fingerspitzengefühl -, lag stets bei meiner Großmutter auf dem Wohnzimmertisch. Denn auch meine Oma wusste die differenzierte und meinungsfreudige Beobachtung europäischer Adelsgeschlechter zu schätzen – und die Kreuzworträtsel auch.

Nach ausgedehnter Lektüre des „Goldenen Blattes“ entschloss ich mich – es muss während des Wechsels zum Gymnasium gewesen sein -, mein Taschengeld nicht nur in Naschwerk, sondern auch in meine außerschulische Bildung zu investieren und erwarb regelmäßig die „Bild der Frau“. Dies tat ich vor allem wegen der Vorher-Nachher-Geschichte über die Wandlung adipöser Hausfrauen zu geschmeidigen Models, die mich nachhaltig prägte. Zwar entging mir bisweilen, dass die Dame auf dem ersten Foto nicht immer exakt identisch war mit jener auf dem chronologisch nachfolgenden Bild, doch das verdrießte mir den Konsum der Zeitschrift nicht.

Infolge meiner anspruchsvollen Lektüre war ich meinen Klassenkameraden intellektuell voraus, weshalb mich ein Magazin wie die „Bravo“ kaum zu beeindrucken vermochte. Es war lediglich dem Gruppendruck geschuldet, dass ich einen, möglicherweise zwei flüchtige Blicke hineinwarf. Nur wegen der wissenschaftlich hochwertigen Erklärstücke über physische und psychische Veränderungen in pubertierenden Körpern entschied ich mich gelegentlich für einen Kauf, schließlich lag mir als Außenseiter viel daran, meine Mitschüler und ihre Bedürfnisse zu verstehen.

An meiner Vorliebe für die Glanzstücke deutschen Pressewesens hat sich bis heute nichts geändert. Deshalb und weil ich während eines Besuchs beim Frisör nicht mit Wünschen wie „Bringen Sie mir doch bitte den ‚Spiegel‘ oder den ‚Stern‘, während die Packung einwirkt!“ als kauziger Sonderling auffallen möchte, werde ich sie auch weiterhin lesen. „Bunte“ und „Gala“ lese ich mitunter auch. Aber nur heimlich unter der Bettdecke. Alles andere wäre zu peinlich.

–nessy

Nachdem es meinen Eltern nie gelungen war mich angemessen aufzuklären, habe ich mich frühzeitig nach alternativen Methoden umschauen müssen. Aufklärung am praktischen Beispiel funktionierte nicht – hauptsächlich aus Ermangelung an einem Studienobjekt – und mein Freundeskreis hatte bedauerlicherweise genauso wenig verwertbare Erfahrung wie ich. Damit fiel dann auch der Austausch unter Alters- und Artgenossen aus. Eine „beste Freundin“, die ich hätte fragen können hatte ich nicht. Also blieb nur der Griff in das Zeitschriftenregal. Die einzige Zeitschrift, die mir ein wenig entgegenkam war die BRAVO.

Hätten mich meine Eltern gefragt, warum ich die lese, dann hätte ich wahrscheinlich mit einem Verweis auf die spannenden Berichte über den tropischen Regenwald und das Aussterben der Wale geantwortet. In Wirklichkeit hat mich das damals überhaupt nicht gejuckt. Mich interessierten ausschliesslich die Doppelseiten in der Mitte des Heftes mit den Fotoportraits der beiden nackten Jugendlichen (wobei mich meistens nur die Seite mit der weiblichen nackten Schönheit interessierte) und die Rubrik „Liebe, Sex und Zärtlichkeit“.

Erst später stellte ich fest, daß man mit der Zeitschrift, die man liest auch ein Statement zu sich selbst machte und wechselte also aus Imagegründen zum FOCUS, der zwar weniger Sex bot, dafür aber intellektueller aussah. Das FOCUS nur eine BRAVO für Erwachsene war ist mir erst aufgefallen, als die Freunde, die ich für wirklich intellktuell hielt alle Stern oder Spiegel lasen. An diesem Punkt habe ich dann Nachrichtenmagazine komplett aufgegeben und meine News aus dem Web bezogen.

Aber der Hang zu Zeitschriften ist geblieben. Und seither lese ich also ein paar Zeitschriften, die mich wirklich interessieren, wie zum Beispiel „Geschichte Heute“, „History“ oder das „IT Management Magazine“. Dazu kommen ein paar Zeitschriften, die dazu dienen irgendwen zu beeindrucken. Hauptsächlich die „National Geographic“ Reihe. Sieht schick aus und die Bilder sind fantastisch. Ausserdem interessieren mich heutzutage tatsächlich die Umweltberichte über das Sterben von Walen und Regenwäldern.

Natürlich finde ich auch Nackebilder spannend, aber ich weiss nicht so genau was meine Frau zu einem Playboy- oder Hustler-Abo sagen würde. Ich sollte mal mit ihr darüber sprechen. Im Gegenzug wäre ich auch bereit einem Abo von „Bild der Frau“, „Schöner Wohnen“ oder „Freundin“ zustimmen. Bis dahin werden wir es wohl bei dem NEON Abo belassen. Da fällt mir ein NEON ist so ein bisschen wie eine Bravo für Mittzwanziger.

Herzlichen Dank an die den flyhigher. Der Hussler heisst jetzt auch korrekterweise Hustler. Ich kenn mich da nicht so aus. Bin aber froh, wenn es in der Leserschaft Leute gibt, die da schon mal recheriert haben.

Nachtrag: Ich muss auch nochmal kurz flyhighers Geschlecht ändern. Von männlich zu weiblich.

–Mann²

25 / Juni / 2007  Zweierpack 
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