100 €

100 Euro, das war früher mehr Geld. Nicht nur, weil 200 Mark mehr Geld waren als 100 Euro, sondern weil es in meinem Leben irgendwann einen schleichenden Prozess gab, im Zuge dessen sich mein Verhältnis zu bestimmten Summen Geld änderte.

Wahrscheinlich begann diese Entwicklung, als ich anfing, selbst meinen Lebensunterhalt zu verdienen und dabei so erfolgreich war, dass ich neben dem Studium mit einem Mal fünf Jobs hatte. Als ich plötzlich nicht mehr jeden Pfennig umdrehen und mir im Supermarkt nicht mehr überlegen musste, was ich ohne Fleisch und viel Gemüse kochen konnte, weil beides zu teuer war, verlor das Geld einen Teil seines Wertes. Es war einfach da. Nicht, weil es mir zugeflogen kam, sondern weil ich genug Auftrag- und Arbeitgeber hatte, die pünktlich überwiesen. Das war die Zeit, in der ich mit einem Mal einfach so, ohne dass etwas kaputt gegangen war oder ich dringend etwas brauchte, shoppen ging und es mir leisten konnte.

Auch wenn 100 Euro heute weniger bedeutend sind als damals, wenn ich sie schneller und unbedachter ausgebe, wenn ich nicht mehr die gleiche Erregung spüre wie mit 20 und mein Portmonee mit mehr um ein gefühltes Kilo schwerer wird, nur weil zwei braune Scheine es füllen, haben diese 100 Euro nicht immer den gleichen Wert. 100 Euro meines Gehalts etwa sind Verfügungsmasse. Sie sind da, um ausgegeben zu werden – zumeist für Lebensmittel, für Dinge des täglichen Bedarfs. Ich empfinde kein Glücksgefühl, wenn ich sie ausgebe, vielmehr entweicht ein gottergebener Seufzer meiner Kehle als Zeichen de Bedauerns, dass schon wieder 100 Euro den Besitzer wechseln.

100 geschenkte oder gar gefundene Euro sind etwas Besonderes. Sie haben einen größeren Wert als die 100 Euro, für die ich gearbeitet habe. 100 geschenkte Euro hüte ich wie 1000 selbst verdiente. Ich empfinde eine größere Dankbarkeit sie zu besitzen als bei 100 selbst verdienten – denn letztere stehen mir schließlich zu, erstere nicht. Geschenkte oder gefundene 100 Euro kommen deshalb in ein Sparkästchen, dessen Inhalt nur dafür da ist, dass ich mir selbst etwas gönne – einen Urlaub oder ein neues Möbel. Etwas, das ich mir sonst nicht leisten würde, weil die Kosten nicht im Verhältnis zum Nutzen stehen. Weil die Antwort „Wäre schon schön“ auf die Frage „Brauche ich das wirklich?“ nicht ausreicht, um die Ausgabe zu rechtfertigen.

Geschenktes und gefundenes Geld wird nur noch übertroffen von geerbtem Geld. Denn an ihm hängt der Geist eines lieben Verstorbenen. Sein Geld gebe ich nur für Dinge aus, die ihn mir erhalten und in denen er weiterlebt – nicht für flüchtige Freuden .

–nessy

Da lagen sie also vor mir. 100 €. Ein grüner Schein mitten auf der Straße. Eigentlich wirkte er ein bisschen wie ein grünes Blatt. Aber 100 € Scheine wachsen für gewöhnlich nicht auf Bäumen. Der Schein fühlte sich noch ganz neu an. Ich finde so ein nagelneuer Schein, der beim Falten noch ein wenig knistert, mit noch messerscharfen Ecken und Kanten ist wie eine Verheissung. Wenn man den Schein auch noch einfach so irgendwo findet, dann beinhaltet die Verheissung auch noch ein gewisses Potential zur Erfüllung kleinerer und mittlerer Wünsche die unerwartet ihre Umsetzung finden.

Was also machen mit dem Schein? Männer sind ja sonst sehr spontan und manch einer würde den Schein nehmen, ein paar Freunde anrufen und den Schein dann gemeinsam in der nächsten Bar verflüssigen. Aber das ist nur scheinbar eine gute Idee. Man hat hinterher nicht nur keinen Schein mehr, sondern höchstwahrscheinlich einen dicken Kopf oder gar eine kleine Gedächtnislücke (Das hängt ein wenig davon ab, mit wievielen Freunden man den Schein verflüssigt und sehr davon ab wieviel Alkohol man verträgt).

Das volle Gegenprogramm wäre natürlich den Schein auf die Bank zu tragen. Wer aber hundert Euro findet sie und sie auf sein Girokonto einzahlt und somit in die Haushaltskasse fliessen läßt der ist gewiss Sparkassenkunde und hat schon als Kind darauf verzichtet mit dem Taschengeld Süßigkeiten zu kaufen und lieber gespart. Noch schlimmer ist natürlich der durchschnittliche Volksbankkunde, der den Schein nicht nur zur Bank trägt sondern entweder eine Sondertilgung für den laufenden Hausbaukredit vornimmt oder wenigstens auf sein Sparbuch mit 2,25 % Zinsen einzahlt.

Viel sinnvoller scheint mir das Geld in die Erfüllung eines langgehegten Wunsches zu investieren, den man sich bisher versagt hat, weil es eigentlich ein wenig verschwenderisch gewesen wäre. Aber mit geschenktem oder gefundenen Geld darf man so etwas ohne Gewissensbisse tun. Vielleicht kauft man endlich noch ein paar von diesen James Bond Sammelboxen (auf diese Art macht man sich mit dem Geld ein paar schöne Fernsehabende) oder man investiert in eine neue Speicherkarte für die Digicam oder legt sich endlich vernünftige Kopfhörer für den iPod zu.

Falls man natürlich genau weiss, wer den Schein verloren hat ist es natürlich Ehrensache all diese Tagträumereien beiseite zu schieben und sie dem rechtmäßigen Besitzer wiederzugeben. Moralisch betrachtet ist das wahrscheinlich die langfristig profitabelste Anlage.

–Mann²

19 / Juni / 2007  Zweierpack 
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