Das Harry-und-Sally-Syndrom

Sie lernen sich kennen, als sie beide in einer Beziehung sind. Auf einer Party, einfach so, als Bekannte von Bekannten am Buffet, während er sich gerade mediterrante Häppchen auftut. Sie erzählen sich gleich, dass sie mit ihren Partnern hier sind. Sagen, wie sie zum Gastgeber stehen. Und setzen sich gemeinsam an einen Tisch, um zu essen.

Von da an reden sie. Und reden. Sprechen zunächst über die Anwesenden. Dann über ihre Berufe. Dann über ihre Partner. Schlussendlich erzählen sie von sich und vergessen die Zeit.

Irgendwann nach Monaten oder Jahren, nach ein bisschen Kino, nach gemeinsamem Fondue, nach vielen weiteren Partys und nach Gesprächen über seinen kranken Vater, über ihr zufälliges Treffen einer Jugendliebe, über sein Sexleben während der Schwangerschaft seiner Freundin, über ihre Beziehungsprobleme nach sieben Jahren Partnerschaft sagt sie: Er ist mein Freund. Er sagt: Sie ist meine Freundin. Rein platonisch, denn beide sind noch immer in ihren Beziehungen.

Und doch: Irgendwas ist da. Sie mag ihn ein bisschen zu sehr, ein bisschen über diese unsichtbare Grenze, diese feine Linie der Freundschaft hinaus. Sie sieht ihm nach, wenn er ihr den Rücken zudreht. Sie beobachtet ihn heimlich von der Seite und fühlt eine unbestimmte Leere, wenn sie länger als zwei Wochen nichts voneinander gehört haben. Dabei weiß sie: Sie hat kein Recht ihn zu vermissen. Er ist nur ein Freund, nicht ihr Freund.

Sie googelt regelmäßig nach seinem Namen, um vielleicht noch ein bisschen mehr über ihn herauszufinden als das, was er ihr bereits erzählt hat. Dabei hat er ihr alles erzählt. Trotzdem – sie liest es noch einmal nach, sieht es gerne manifestiert in Buchstaben und Wörtern. Zeugnisse aus seinem Leben. Sein Eintrag unter „Ehemalige“ an seiner Schule. Forenbeiträge, die drei Jahre alt sind, aus Zeiten, als sie sich noch nicht kannten. Ein Bild mit seiner Motorradtruppe.

Sie ertappt sich dabei, sein Xing-Profil aufzurufen, um sein Bild zu betrachten. Sie klickt sich zu seinen Kontakten, zu seinen Freunden durch, als ob sie ihm über die Menschen, die ihm nahe sind, ebenfalls nah sein könnte. Aber es kann nicht sein, es darf nicht sein. Es würde alles kaputt machen, das vertraute Verhältnis, die Freundschaft. Er wäre überfordert. Er würde es auch gar nicht wollen, dessen ist sie sich sicher. Überhaupt: Er liebt seine Freundin, sie liebt ihren Freund. Es ist gar keinen Gedanken, keinen heimlichen Traum wert.

Selbst wenn: Jetzt, nach so langer Zeit der Freundschaft, wäre es zu spät. Irgendwann ist es zu spät, miteinander ins Bett zu gehen.

–nessy

Ich habe „Harry und Sally“ nur ein einziges Mal gesehen und konnte mich nur vage erinnern worum es da eigentlich ging. Irgendwas mit einem vorgetäuschten Orgasmus. Aber weit gefehlt. Dank Wikipedia weiss ich jetzt, daß es um die Unmöglichkeit einer platonischen Freundschaft zwischen Mann und Frau geht. Angeblich weil immer der Sex dazwischen kommt.

Ist natürlich alles Spinne, eh. Es gibt nämlich drei verschiedene Varianten von Männer-Frauen-Freundschaften. Zumindest in meinem Theorienpool.

Variante 1: Er will Sie und Sie will nicht. Eigentlich der Klassiker. Und weil der Typ ein Looser ist versucht er es über die Masche „platonische Freundschaft“ (statt wie ein echter Mann mit den Schultern zu zucken und sich ein neues Ziel zu suchen). Das kann natürlich nicht gehen. Da ist der Sex tatsächlich dauernd im Weg. Irgendwann wird er sie ins Bett kriegen. Am Morgen danach tut ihr es leid und er hätte gern das es jetzt weitergeht. Statt dessen gibt es noch ein paar platonische Treffen mit peinlich berührten Momenten und irgendwann wird Sie die Sache einschlafen lassen.

Variante 2: Sie will ihn und er will nicht. Kommt vor ist aber meist unproblematisch. Weil Männer mit solchen Frau im Normalfall keine Freundschaften schliessen. Falls doch und er ein Gentleman ist, der ihre Zuneigung nicht ausnutzt kann das jahrelang funktionieren. Falls er kein Gentleman ist wird er sie irgendwann mit ins Bett nehmen. Am Morgen danach heuchelt er es täte ihm leid und sie hätte gern das es jetzt weitergeht. Statt dessen gibt es noch ein paar platonische Treffen mit peinlich berührten Momenten und irgendwann wird Sie die Sache einschlafen lassen.

Alternativ nutzt er sie weiter aus und nimmt sie regelmäßig mit ins Bett ohne sich jedoch zu ihr zu bekennen. Dann gibt es noch ein paar nicht-platonische Treffen und irgendwann nimmt sie den Revolver und schiesst ihm ein Loch in den Kopf.

Variante 3: Ein Mann und eine Frau, die sich einfach nur sympathisch sind. Das tut. Immer. Da passiert auch nix. Egal wie hammerhart die Frau aussieht. Oder der Typ. Da geht es um Tieferes. Echt jetzt. Die beiden heiraten nur irgendwann aus Verlegenheit. Und gehen dann ins Bett. Und gründen (wenns noch nicht zu spät ist) eine Familie. Mit Hund.

–Mann²

19 / März / 2007  Zweierpack 
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