Krank sein

Sind Männer krank, bedeutet das Elend, Siechtum und Tod. Dabei gibt es zwei Arten kranker Männer: diejenigen, die ihre Pein wort- und gestenreich artikulieren, und jene, die stumm auf dem Sofa sitzen und auf die Frage „Schatz, meinst Du, es wird trotz deiner schweren Krankheit gehen, dass Du kurz die Füße hochhebst, damit ich drunterher saugen kann?“ ungeachtet des nahenden Sensemannes mit einem mannhaften „Natürlich, mein Herz, es geht schon. *huströchel* Es geht schon.“ antworten.

Erstere, nennen wir sie „die Leider“, meinen bereits beim Anflug eines ersten, halsschmerzenartigen Kratzens im Hals, sie seien Opfer der bereits seit Jahren angekündigten Grippe-Pandemie, die – sollte Mann sie überhaupt überleben! – mindestens eine chronische Niereninsuffizienz zur Folge haben wird. Zwischenzeitlich ziehen sie in Erwägung, dass sie sich eine schlimme Tropenkrankheit aus dem letzten Mallorca-Urlaub mitgebracht haben. Der ist zwar bereits ein dreiviertel Jahr her, und Mallorca gehört auch nicht zu den für Malaria, Ebola und Lassa-Fieber bekannten Regionen, aber man weiß ja nie und Inkubationszeiten sind bei diesen exotischen Seuchen schließlich lang. Wenn dann der – unter Protest! Eigentlich bräuchte man direkt einen Bestatter! – konsultierte Hausarzt etwas von einer „leichten Erkältung“ murmelt, sind die Märtyrer zunächst erleichtert, dann enttäuscht. Nach ausgiebigem Googeln kommen sie aber zu der Erkenntnis, dass auch kleinste Infekte Entzündungen des Herzmuskels auslösen können, wenn man nicht die rechte Umsicht in der Behandlung walten lässt. Sie beschließen, kein Risiko einzugehen und sich mindestens eine, wenn nicht zwei Wochen kompromisslos zu schonen. Mit so einer Erkältung ist schließlich nicht zu spaßen!

Der zweite Typ Mann, nennen wir ihn den „Märtyrer“, kämpft furchtlos und heldenmütig gegen den Feind Krankheit an. Nur beiläufig bringt er dann und wann Bemerkungen an, welche die aufmerksame Gattin ahnen lassen, welche Pein er erdulden muss. Doch für sie – und nur für sie! – steht er seinen Mann und tritt den tückischen, niederträchtigen Viren beherzt entgegen. Natürlich ohne seinen sonstigen Aufgaben zu vernachlässigen! Aufforderungen wie „ Jetzt leg dich doch einfach ins Bett und steht mir nicht im Weg!“ bringen ihn nicht von seiner Mission ab.

Wir Frauen machen das auf charmantere Art und Weise. Besonders bei Männern mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt braucht es nur eines kokettes „Hatschi“, gepaart mit einem Rehblick wie einst bei Bambi kurz vor der Notschlachtung, schon weht der Duft frisch aufgekochter Hühnerbrühe durchs Haus. Mehr als Hühnerbrühe trägt allerdings eine ausgiebige Rückenmassage zur weiblichen Genesung bei. Sie löst Verspannungen, macht die Lungen frei und regt die Durchblutung an.

–nessy

Als ich morgens um halb acht aufstehe und mich langsam Richtung Bad schleppe, bemerke ich ein leichtes Kratzen im Hals. Wahrscheinlich habe ich gestern Abend wieder einmal zu tief ins Glas geschaut. Das kommt öfter vor und ist nur halb so wild.

Nach der ersten Tasse Kaffee ist das Kratzen schon zurück gegangen und ich bin mir sicher, das war das letzte was ich von diesem unangenehmen Reiz im Hals hören werde.

Im Büro angekommen ist das Kratzen immer noch spürbar und langsam meldet sich meine hypochondrische Ader und versucht eine erste Selbstdiagnose. Wahrscheinlich eine leichte Erkältung. Nix was man behandeln müsste.

Zwei Stunden und zwei Wick Halsbonbons später bin ich mir sicher, das hier möglicherweise eine ernsthafte Erkältung im Anzug ist. Ich mache mir eine mentale Notiz und beschliesse gleich nach der Arbeit in die Apotheke zu gehen und mir mal vorsorglich Aspirin Complex zu organisieren.

Nach dem Mittagessen kommt auch noch die durchaus übliche Mittagsmüdigkeit dazu, die aber heute irgendwie ein wenig schwerer als sonst auszufallen scheint. Dann fällt mir ein, daß ich schon lange keinen grippalen Infekt mehr hatte und bin mir sicher jetzt ist es mal wieder fällig.

Ich schau in meinem Kalender nach und denke es wäre ratsam für die nächsten drei Tage mal die wichtigen Geschäftstermine zu schieben – nur für den Fall, daß es mich niederstreckt und ich in den nächsten Tagen das Bett hüten muss.

Gegen 15 Uhr ist das verräterische Kratzen im Hals noch immer nicht fort. Aber ich werde der anrückenden Bronchitis keine Chance geben. Ich bin nämlich inzwischen bestens informiert. Ein paar sehr gute Arzneimittelempfehlungen diverser Online-Diagnose-Dienste habe ich mir schon notiert. Im Moment bin ich noch dabei die Kompatibilität der Medikamente untereinander zu prüfen, um dann später eine allergische Reaktion zu vermeiden.

Es ist ein schreckliches Los in so jungen Jahren schon mit so furchtbaren Krankheiten geschlagen zu sein. Gerade erst habe ich einen Bericht gelesen über einen Mann, der seine Stimme verlor. Das Krankheitsbild begann mit einem Kratzen im Hals, was verdächtig ähnlich zu meinem eigenen Kratzen klingt.

Ich bereite mich mental auf ein Leben des Schweigens vor und hoffe das man in ein paar Jahren vielleicht ein Heilmittel entdeckt.

Etwas wehmütig verlasse ich das Büro in der Annahme es wohl in diesem Leben nicht wiederzusehen.

–Mann²

27 / Februar / 2007  Zweierpack 
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