Erste Liebe

Bevor Zweifel daran aufkommen: Ich war nicht frühreif. Ich fühlte mich lediglich zu ihm hingezogen – auf eine unbestimmte, asexuelle Art.

Grundschule, vierte Klasse. Wir saßen an einem Sechsertisch. Gruppenarbeit war gerade dem pädagogisch als wenig wertvoll abgeurteilten Frontalunterricht gewichen. Er besetzte gemeinsam mit seinem Freund Robert, der schon mit zehn Schuhgröße 45 hatte, den Tisch vor Kopf, ich saß zu seiner Rechten an der Längsseite. Erst wenige Wochen zuvor war er als Sitzenbleiber in die Klasse gekommen.

Er hatte keinen biederen Schulranzen und kein Etui mit Rennautos wie die anderen Jungs, sondern einen Sportrucksack (Zitat Mutter: “Du gehst mir nicht mit einem Rucksack zur Schule! Damit machst du dir nur den Rücken kaputt!”) sowie ein ledernes Federmäppchen, auf dem seine Freunde unterschrieben hatten.

Er hieß Christian und war das neunjährige Abbild von Markus Mörl, dem NDW-Markus, der in Dieter Thomas Heck’s Hitparade Gas gab und Spaß wollte. “Ich schubs die Enten aus dem Verkehr, ich jag´ die Opels vor mir her, ich mach Spaß! Ich mach Spaß, ich mach Spaß!”Aus heutiger Sicht ist das ein Outing erster Klasse, damals fiel mir die Ähnlichkeit zwischen Christian und Markus so lange nicht auf, bis meine Sitznachbarin Verena in der zweiten großen Pause zu mir meinte: “Sag mal, stehst du etwa auf den Hitparadenmarkus? Das ist ja peinlich!”

Ab diesem Zeitpunkt war mir das in der Tat sehr peinlich. Alles rund um Jungs begann langsam peinlich zu werden, so auch meine Zuneigung zu Markus Christian. Dabei geschah nichts weiter, als dass ich ihn anhimmelte. Zumindest meinte ich das bis vor ein paar Monaten zu erinnern. In Wirklichkeit muss ich ihm irgendwann zwischen Sachkunde und Lesewettbewerb einmal einen Liebesbrief überreicht haben, verziert mit einem Stempel, den es sonst nur von der Lehrerin unter die säuberlich erledigte Hausaufgabe gab. Er rief es mir in Erinnerung, als ich ihn bei einem Besuch in der Heimat zufällig in einer Kneipe traf – einen Bauchladen vor sich hertragend und mit einer Horde betrunkener Männer im Schlepptau. Ich kaufte ihm für einen großzügigen Euro ein Kondom mit Erbeergeschmack ab, als er leise sagte: “Deinen Liebesbrief habe ich übrigens immer noch.”

Danach habe ich ihn nur noch einmal von Weitem gesehen, eine Dame zu seiner Linken und einen Kinderwagen schiebend. Er sieht noch immer aus wie Markus Mörl, nur in groß.
–nessy

Wir waren Tarzan und Jane. Meine erste Liebe und ich. Sie hieß wirklich Jane, und mich nannten einfach alle Spargeltarzan. So war das eben mit 13.

Diese Geschichte ist mir wohl nur in Erinnerung geblieben, weil das Mädel mich knutschen ließ. Alles andere war wohl so ziemlich Standard.Sie wohnte im Nachbarhaus und ging in dieselbe Schule wie ich, eine Klasse weiter unten. Es mangelte auch von Anfang an an Romantik in dieser Angelegenheit. Eigentlich bin ich mit ihr nur gegangen, weil die anderen Jungs in der Klasse (zumindest die, die ich für wichtig hielt) auch alle eine Freundin hatten.

Und irgendwann lief sie auf dem Schulweg zurück nach Hause neben mir und erzählte mir, daß sie sich von ihrem Freund getrennt hatte. Da ergriff ich die Gelegenheit und bot ihr an, quasi einzuspringen. Ich werde das wohl ein wenig anders formuliert haben, aber es war auf jeden Fall nur sehr wenig Romantik im Spiel.Sie sagte „ja“ – vermutlich aus dem gleichen Grund, aus dem ich gefragt hatte. Weil es gerade passte.

Und so begann meine erste echte Beziehung. Wir schrieben uns Briefchen, die, wenn die Welt gerecht ist, inzwischen nicht mehr existieren. Wir verbrachten unsere Nachmittage gemeinsam. Meist bei ihr. Sie war Einzelkind, und so störte uns niemand. Wir hörten Musik – Elvis Presley, wenn ich mich recht entsinne – und sprachen über gemeinsame Bekannte und Schulkameraden.

Ab und zu hingen wir mit dem Rest der Gang, der Pärchen rum. Die Singles waren ja jetzt definitiv unter unserer Würde. Nach ein paar Wochen veranstalteten wir ein gemeinsames Picknick, bei dem sie mir ihr Tagebuch zu lesen gab, aus dem hervorging, dass sie gerne knutschen, aber nicht fummeln würde, und so nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und küßte sie. Es hat die ersten paar Male nicht einmal richtig funktioniert, weil wir es irgendwie nicht schafften, gleichzeitig die Lippen zu schließen und aufeinander zu pressen.

Bald folgte der erste Zungenkuss, der nicht besonders schmeckte und dann wollte ich doch irgendwann fummeln, während sie weiter auf dem Standpunkt knutschen JA und fummeln NEIN beharrte. Daraufhin trennten wir uns (schriftlich) wegen unüberbrückbarer Differenzen und sprachen nie wieder miteinander.

Klingt ziemlich normal, wenn ich heute so darauf zurückblicke. Ich nehme an, dem Rest der Welt ging es ähnlich.

–Mann²

19 / Februar / 2007  Zweierpack 
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