Familienfeste
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Familienfeste sind ein Paradebeispiel der Geschlechtertrennung und – abgesehen von CSU-Ortsversammmlungen in diversen ostallgäuer Dörfern – die letzten offiziell patriarchalischen Veranstaltungen Deutschlands. Selbst auf den Feiern radikalemanzipatorischer Clans werden die traditionellen Rollen von Mann und Frau mit Inbrunst gelebt.
Frauen haben dabei klassischerweise viel zu tun: Kuchen backen, Kaffee kochen, Schnittchen schmieren – die Mischpoke will schließlich gefüttert werden. Die Männer sitzen währenddessen in Gruppen im Wohnzimmer beisammen und trinken das von ansonsten unbeachtet herumwuselnden Kindern aus dem Keller hoch geholte und extra zum Zwecke der Feier am Eck-Kiosk flaschenweise eingekaufte Bier. Selbst notorische Nichtraucher zünden sich die von Opa Wilhelm angebotenen Zigarren an, paffen genüsslich und genießen das Gemeinschaftsgefühl, dass sie sonst nur in einer finnischen Männersauna oder beim Puffbesuch beschleicht. In der Ferne klappern die Frauen schnatternd mit Tellern, die alten Männer erzählen unterdessen, umgeben von einer Nikotinwolke, von ihren Heldentaten in Krieg, Kneipe und Kirche („Damals haben wir die Bänke noch selbst gedrechselt – fürs Seelenheil!“). Die jungen lauschen gebannt und unterdrücken ein Zigarrenhusten. Leidenschaftlich diskutiert die Runde im Laufe des Nachmittags über Politik und „die da oben“. Als seien die Herrschaften der Bundestrainer höchstselbst – das Fachwissen ist selbstredend mehr als vorhanden! -, analysieren sie die Leistungen, Einkäufe und Trainerentlassungen diverser Fußbalvereine. Zu vorgerückter Stunde schenken die älteren den jüngeren ein Pinnchen Selbstgebrannten nach dem anderen ein, erklären die Vor- und Nachteile des Ehelebens und geben Tipps, wie man mit Frauen umgehen muss, damit es im Bett klappt. Mindestens zwei Männer kriegen sich zum Ende der Feier in die Köppe und müssen mit Gewalt voneinander getrennt werden. Die Damen erledigen unterdessen in der Küche den Abwasch, zanken sich um die Trockentücher und teilen im Geiste und für den Fall des baldigen Ablebens von Oma Ilse – was der Herrgott freilich verhüten möge! – den Schmuck, die Kristallgläser und das gute, 16-teilige Geschirr mit Goldrand untereinander auf. Sie unterhalten sich über Hardanger-Stickerei, die neuesten Gerüchte über nicht anwesende Anverwandte und ermahnen die kinderlosen Unter-Dreißigjährigen, dass man bitteschön unverzüglich mit der Produktion von Enkeln, Urenkeln und Großneffen beginnen möge, am besten noch am selben Abend. Tante Ulla gibt Sahnelikör aus. Am Ende sind die Männer betrunken und die Frauen beschwipst. Vor der nächsten Familienfeier stöhnen alle, wie langweilig es doch immer sei. Doch eigentlich wissen sie, dass ihnen derartige Veranstaltungen, fänden sie nicht in regelmäßigen Abständen statt, etwas fehlen würde. |
Die kleine Emma wird getauft. Ein Großereignis für die stolzen Eltern.
10: 45 – Die gesamte Verwandschaft trifft sich vor der Pfarrkirche. Da es leicht nieselt fängt Tante Hilde schon mal an sich Sorgen um ihren Hut zu machen. Mareike, die elfjährige Cousine des Täuflings hat offensichtlich keine Lust auf diese Großveranstaltung und nervt die leidend ausschauenden Eltern. Tante Julietta ist ein wenig piquiert über das sehr knappe Kleid von Susanna, dahinter steckt kaum verhohlener Neid über Susannas Figur. Onkel Dominik fragt ein wenig gelangweilt, wie lange diese Veranstaltung denn überhaupt dauert und ab wann es denn was zu trinken gibt. 11:12 – Der Gottesdienst beginnt leicht verspätet, weil der Pfarrer sich leicht verspätet hatte. Er war noch beim Morgengottesdienst in der Nachbargemeinde aufgehalten worden. Während des Gottesdienst betrachtet Tante Hilde wehleidig ihren, durch den Regen leicht lädierten Hut an, während Onkel Dominik ungeniert Susannas Beine anstarrt und sich eine Strategie zurecht legt, in der Hoffnung ihr später auch noch in den Ausschnitt starren zu dürfen. Mareike bohrt hingebungsvoll in der Nase, was Tante Julietta zu mahnenden Blicken bewegt, die von Mareike ignoriert werden. Lediglich die kleine Emma (Täufling), der Pfarrer und die Eltern des Kindes scheinen vollkommen hingerissen von der Zeremonie, die miesepetrige Verwandschaft um sich herum zu vergessen. 12:23 – Der Gottesdienst ging im Prinzip glimpflich ab – mit Ausnahme der Sache mit Johns (5 Jahre) Hose. Inzwischen sind alle im Restaurant zum Mittagessen eingetroffen. Aus unerfindlichem Grund besteht Onkel Dominik darauf neben Susanna zu sitzen oder wenigsten ihr gegenüber Platz zu nehmen. Tante Julietta möchte auf gar keinen Fall neben Tante Hilde sitzen, wegen der Sachen die Hilde auf dem 60 Geburtstag von Mutter über Juliettas Tochter gesagt hat. 12:40 – Die Sitzordnung ist endlich entschieden. Onkel Dominic sitzt Susanna gegenüber und bestellt bereits die ersten hochprozentigen Getränke. Neben ihm sitzen Hilde (links) und Julietta (rechts). Mareike sollte eigentlich bei ihren Eltern sitzen, hat aber viel mehr Spass dabei Emma den Nuckel zu stehlen und auf den Boden zu werfen und anschliessend zu Emmas Eltern zu laufen und laut zu rufen „Emma hat schon wieder ihren Nuckel runtergeworfen“. Das Familienfest endet dann irgendwann gegen 23:00 Uhr. Aber erst nachdem Onkel Dominic sturzbetrunken versucht hat Susanna zu küssen, Hilde und Julietta sich miteinander vertragen haben und gemeinsam gegen Onkel Dominic intrigieren und Mareike sich mehrfach laut heulend auf dem Fussboden geworfen hat, weil man ihr verboten hat mit Emmas Schnuller weiter Mist zu machen. Am Ende fahren alle heim, schauen sich mit dem Lächeln eines hungrigen Tigers an und beteuern sich gegenseitig, was für ein fabelhaftes Fest es war. |