Stimmen
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Ich stand ein bisschen verloren an der Theke, als ein Schrank von Mann durch die gröhlende Partymenge zu mir herüberschlich. Es ist noch nicht lange her. Ein grasgrünes Poloshirt spannte sich über seinem Bizeps. Die Haare raspelkurz, ein Bier in der Hand, blieb er vor mir stehen und grinste.
In Erwartung eines sonoren „Mein Name ist Wotan, und ich mache Kleinholz aus Dir“ lächelte ich ihn an. Charme ist bei der Begegnung mit gefährlichen Rübezahlen noch immer die beste Verteidigung. Doch statt einer Kampfansage entwich ein fiepiges „Hi, ich bin der Michi“ seinem Hals. Er verlor als Mann sofort jeglichen Respekt bei mir. Männer müssen zwei Dinge: männlich riechen und männlich klingen. Eine Männerstimme muss ich im Bauch spüren. Sie muss vibrieren und angenehme Gefühle bescheren. Ein Mann darf nicht fiepen, quieken, kreischen, piepsen oder quietschen. Seine Stimme muss genauso fest im Leben stehen wie er selbst. Es gibt Männer, die tun all dies. Sie sehen gut aus, sie riechen männlich und sie klingen männlich. Sie quietschen nicht und machen gute Gefühle. Doch dann passiert das Unfassbare: Sie beginnen zu lachen. Und sie lachen dermaßen unmännlich, dass ihre Stimme sich überschlägt und in Bereiche wandert, in die ich selbst mit härtester Sopranistinnenausbildung nie vordringen würde. Mein Körper stellt an diesem Punkt augenblicklich die Hormonproduktion ein. In meinem inneren Männer-Scan-Zentrum kommt der Türsteher und packt den Lachenden am Kragen, um ihn hochkant hinauszuwerfen. Der Bursche hätte anstatt gläserzerspringend zu lachen auch mitten im Sexualakt sagen können: „Schatzl, was ist das dort, an deinem Bauch? Ist das ein Schwangerschaftsstreifen?“ Es hätte die gleiche Wirkung gehabt. Misslich ist nur, wenn die Stimme eine Mannes zuviel verspricht. Wenn ich während unzähliger Telefongespräche denke „Wow! Was für ein scharfer Typ!“ und er eines Tages vor mir steht und mir vor Überraschung und Enttäuschung das Herz in die Hose rutscht. Etwas anderes ist es dann schon, wenn sich nach einiger E-Mail-Schreiberei herausstellt, dass der Gegenüber eine überaus angenehme Stimme hat, so dass sich seine Worte nicht nur gut lesen, sondern auch gut anhören. Das ist dann meistens der Ausgangspunkt für überaus angenehme gemeinsame Abende. |
Selbst Menschen, die mich gut kennen fragen mich immer wieder mal, ob ich erkältet sei wenn sie mit mir telefonieren. In den allermeisten Fällen stimmt es nicht. Ich weiss nicht genau warum ich am Telefon immer klinge, als wäre ich an der Schwelle des Todes. Interessanterweise hat man mir aber auch schon andernorts gesagt ich hätte eine Grabesstimme. Meist in geschäftlichen Besprechungen. Ich habe nämlich festgestellt, daß man mit einer ruhigen, tiefen Bassstimme selbst aufgebrachte Kunden und nervöse Ingenieure, zumindest für die Dauer des Gespräches zum Zuhören bringt.
Ich telefonier auch selbst ganz gern mit Menschen die eine beruhigende, tiefe und sonore Stimme haben. Es erinnert mich an das monotone Summen und beruhigende Dröhnen einer schnurrenden Nähmaschine oder eines leise vor sich hin blubbernden Dieselmotors. Allerdings trifft das nur auf Männerstimmen zu. Mir graut vor dem Kaffeeautomaten in der Firma. Dort treffe ich manchmal zufällig auf die junge Dame, die für die Wartung und Reinigung, sowie das Nachfüllen der Maschine zuständig ist. Es läuft mir immer eiskalt den Rücken herunter, wenn die ein Meter sechzig kleine und zierliche Frau mit der Stimme des Paten mitteilt ich möge doch bitte den anderen Kaffeeautomaten nehmen. Zwischenzeitlich habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt das Kaffeetrinken zu unterlassen. Für Frauen gehört sich eine solche Stimme nicht. Frauenstimmen sollten entweder hell und glockenklar, engelsgleich an mein Ohr dringen oder mit leichter diabolischer Rauchigkeit Schmutzigkeiten in meinen Gehörgang flüstern. Noch besser wäre wenn das entsprechende Äußere auch zur Stimme passt. Denn Frauen müssen so sein. Engelhaft oder Diabolisch (Ich bin da übrigens völlig ohne Preferenz – mir gefallen die einen so gut wie die anderen). Im umgekehrten Fall gilt natürlich auch, daß Männer mit Fistelstimme mich mindestens misstrauisch stimmen. Männerstimmen sollten Frauen etwas von der Seele eines Mannes zeigen. Ein wenig gestandene Männlichkeit, ein wenig Abenteuerer und eine gute Portion Sicherheit. Ich habe aber noch nie einen Sicherheitsbeamten erlebt, der mir mit Fistelstimme hätte Autorität vermitteln können. Das führt eigentlich nur zu Lachkrämpfen. Aber was schreib ich hier? Ich bin mir sicher, daß ich mit dieser Meinung ausnahmsweise mal voll im Trend liege und wohl kaum jemanden hier finde, der mir widerspricht. |