Eitelkeit

Ich war 15 und spielte in der B-Jugend. Während heute mein Hauptanliegen dem Torewerfen gilt, war ich damals die meiste Zeit des Spiels damit beschäftigt, eine gute Figur zu machen. Musste ich auch, schließlich saß die männliche A-Jugend auf der Tribüne und schaute mir zu. Nicht, dass sich jemals ein Junge aus der A für mich interessant hätte, aber ich interessierte mich für ihn, und das war Grund genug, vor dem Sport duschen zu gehen und das Beste aus meiner heranwachsenden Weiblichkeit herauszuholen.

Vor und nach dem Aufwärmen legte ich meist noch einmal Haarspray nach und überprüfte gemeinsam mit zehn weiteren, sich vor dem kleinen Kabinenspiegel drängelnden Pubertierenden das Styling. Mein Schopf glich einer Betonlandschaft, gegen die Bitterfelds Plattenbauten puristische Natürlichkeit ausstrahlen, doch es durfte keine Strähne verrutschen, ohne dass mein Ego nicht auch verrutscht wäre.

Es war eine harte Zeit. Verspottet von den eigenen Eltern angesichts dieses merkwürdigen Verhaltens, mit einem Selbstbewusstsein nicht größer als ein Silberfisch, bemühte ich mich, gut für Menschen auszusehen, die selbst im Gesicht ein Minenfeld hatten.

Ein bisschen etwas von dieser Eitelkeit ist geblieben. Ich möchte vorweg schicken: Ich kann schnell sein im Bad. Muss ich aber meistens nicht. Und so verbringe ich gerne einige Zeit beim Fönen, denn würde ich die Haare trocknen lassen, hingen sie mir vom Kopf wie kalte Nudeln. Ich benutze Tagescreme, weil ich nicht schon mit 30 die Falten einer 40-Jährigen haben möchte. Ich stehe insbesondere vor Ausgeh-Ereignissen vor meinem Kleiderschrank und probiere zehn verschiedene Kombinationen an, ehe ich mich für die erste entscheide. Und warum das alles? Um gut auszusehen für die Männerwelt.

Ich teile gerne Komplimente aus und freue mich selbst über welche. Denn die schlimmste Eitelkeit ist die übertriebene Bescheidenheit – eine Eigenschaft, die sich Frauen gerne zu Eigen machen. Mit erröteten Wangen senken sie den Blick, schlagen die Augen nieder und wieder auf, schauen ihren Gegenüber bambigleich an, um schlussendlich ein devotes „Nicht doch!“ zu hauchen. Für alle Männer, die es noch nicht wissen: Das hat Methode. Während Eure Masche ist, ihr zu schmeicheln, ist ihre Masche, sich nicht schmeicheln zu lassen. Dabei heischt ihre Eitelkeit nach Bewunderung. Und das ist eitler, als sich einfach für ein Kompliment zu bedanken.

–nessy

Wie fast überall im Leben haben Männer es auch in Sachen Eitelkeit mal wieder schwerer als Frauen. Keine Frau der Welt würde sich davon abhalten lassen in der Öffentlichkeit, im Bus, auf dem Beifahrersitz, im Büro oder Fahrstuhl ihr Handtäschchen zu öffnen und aus der ihr schier endlosen zu Verfügung stehenden Auswahl einen Lippenstift ziehen und sich die Lippen anzumalen. Oder den Lidschatten nachzuziehen, mit ein wenig Puder einen Pickel abzudecken, mit ein wenig Rouge den Wangen ein bisschen Farbe zu verpassen, und, und, und.

Die Liste öffentlich akzeptierter Formen weiblicher Eitelkeit liesse sich sehr lange fortsetzen. Das Schminkköfferchen ist hier nur exemplarisch und soll nur zeigen: Frauen dürfen öffentlich was Männer nicht einmal privat dürfen. Zugeben, daß sie eitel sind. Genau genommen erwartet man von Frauen ja förmlich sich der Eitelkeit hinzugeben. Frauen begründen ihre Eitelkeit aber auch immer mit den Männern. Wie oft habe ich schon gehört: „Aber ihr wollt doch, daß wir schick aussehen, oder?“.

Natürlich möchten wir das. Aber erstens ist nicht alles was mit Schminke verziert wurde hinterher hübscher als vorher und zweitens hätten wir Männer gern das gleiche Recht. Natürlich will ich keinen Schminkkoffer mit mir rumschleppen. Aber eine Handcreme, einen Lippenbalsam oder die Nagelfeile wären doch schon ganz praktisch. Schliesslich sehen Männer auch gern ‚schick’ aus.

Aber wenn Mann im Büro einen Anzug trägt (wo das nicht vorgeschrieben ist) heisst es immer gleich: „Hey was’n los?“ Und wer dann keinen Kundentermin vorweisen kann, der hat verloren. Der ist eitel, ein Gecke, vielleicht auch schwul. So sieht das nämlich aus.

Selbstverständlich gehen Männer aus Eitelkeit ins Fitnesstudio. Wir hätten gern so Hammeroberkörper, wie diese Typen auf den Men’s Health Covern. Dazu Oberarme wie Schwarzenegger und den dazu passenden Sixpack. Zweimal wöchentlich quälen wir unseren Körper durch ein Zwei-Stunden-Folterprogramm, in der Hoffnung anschliessend für die Damenwelt massiv an Attraktivität gewonnen zu haben.

Leider dürfen wir das nicht zugeben. Sprechen uns eben jene Damen auf die Muckis und den Sixpack an, dann lächeln wir schüchtern und ein wenig verlegen und murmeln was von „Gesundheitsprogramm … um fit zu bleiben … wegen dem Bürojob und der Rückenmuskulatur … dazu passende Diät…“

Warum sind wir nicht ehrlich zueinander. Warum sagen wir Männer da nicht einfach: „Hey, Baby, dafür habe ich vier Monate lang trainiert. Machts dich an? Gehen wir zu mir oder zu dir?“

–Mann²

18 / Dezember / 2006  Zweierpack 
6 database queries in 0.131Bloggeramt.de