Ex-Idyllen und Horrohütten
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Er kam stets in der Nacht. Ich lag in meinem Jugendzimmer, in die Dunkelheit hinein lauschend. Wartete Stunde um Stunde, halb schlafend, halb wach auf ein Geräusch – auf das Geräusch.
Es durchfuhr mich ein wohliger Schauer, wenn ich ihn in der Einfahrt hörte, den löchrigen Auspuff seines Ford, das unverkennbare Schnalzen der Fahrertür, wenn sie ins Schloss fiel. Ich kroch aus dem Bett, um ihm die Tür zu öffnen, weil er nicht klingeln und meine Eltern wecken durfte. Nur im T-Shirt schlich ich die zwei Treppen aus dem Dachgeschoss hinunter, mit kalten Füßen auf den Steintreppen. Wenn er im Wohnzimmer saß, zwischen den Möbeln meiner Eltern, mit abgerissener Jeans auf dem teuren Ledersofa, wirkte er seltsam deplatziert. Surreal hob er sich vom Polster ab als schwebe er auf ihm, und ich hatte nicht zuletzt deshalb das Bedürfnis, mit ihm aus der Stickigkeit des elterlichen Eigenheims zu fliehen. Bei ihm ging es unbefangener zu, was der wild wuchernde Vorgarten bezeugte. Nacht um Nacht saßen wir auf einer morschen Bank vor einer Laube hinter dem Haus, rauchten frierend, besahen uns aneinander geschmiegt die Sterne, schwiegen, sprachen und küssten. In der beleuchteten Küche, vor einem Kamin, der das gesamte Haus heizte, saß derweil seine Mutter, Socken sortierend oder Marmelade einweckend. Wir sahen ihr von unserer Bank aus zu, während sie nicht zu uns hinausblicken konnte, und hegten die Illusion, fort zu sein von diesem Ort elterlicher Fürsorge, dem wir so nah waren. Um in sein Zimmer zu gelangen und von dort hinaus ins Bad, mussten wir das Schlafzimmer seiner Eltern durchqueren. Den Tag, an dem ich sie beim Sex erwischen sollte, hat es nie gegeben, obwohl ich mir in all den Monaten Entschuldigung um Entschuldigung zurecht gelegt hatte. Mit klopfendem Herzen schlich ich über den rauhen Teppich, die Tür leise anlehnend, kaum atmend, aus Angst, die Eltern zu wecken. Viele Nächte lang lagen wir wach und flüsterten uns in seinem Kiefernholzbett Liebesschwüre ins Ohr, den miefigen Geruch von schwelendem Kamin, Holzvertäfelung und Muttis Weichspüler in der Nase. Heute wohnen andere Menschen in dem verklinkerten Haus am Waldrand. Ich habe ihre Söhne durch den Garten toben sehen. Die Laube steht noch immer dort. Die Bank lehnt morsch neben der Eingangstür. Vielleicht werden die Jungs eines Tages mit ihren Freundinnen dort sitzen, rauchen, schweigen, sprechen, küssen und Sterne zählen, während ich viele Kilometer entfernt in meiner Küche die Socken meiner Kinder sortiere und meine Gedanken die Nacht nach Erinnerungen absuchen. |
Gleich um die Ecke gibt es zwei Häuser. Sie stehen anscheinend leer, aber sie erinnern mich an die Häuser, die ich in meiner Jugend häufig besuchte. Alle Mädchen, für die ich mich interessierte, wohnten in neugebauten Einfamilienhäusern, während ich seinerzeit aus einer 4,5 ZKBB-Wohnung in der Gegend mit den Mehrfamilienhäusern stammte. Standesunbewusst klingelte ich immer bei den größten Villen, irgendwo in unwirklichen Neubausiedlungen, von denen meine Heimatstadt voll war. Ich war der Alptraum aller Schwiegermütter und sie wussten, dass es ein Fehler war, mich einzulassen. Muss es einer sein mit Ohrringen, aus der Vorstadt, sind seine Eltern etwa getrennt, aber genau aufgrund dieses mütterlichen Zweifels zweifelten die Mädchen zu wenig.
Die Häuser waren meist weiß und hatten dunkle Schindeln, große, gepflegte Gärten und ein Carport war gerade der letzte Schrei. Partys feierte man im Hobbyraum oder in der frei geräumten Doppelgarage mit direktem Zugang zum Wohnbereich. Auf den Klingeln standen immer Männernamen, meist öffnete die Hausfrau und begutachtete mich, einen Mann habe ich niemals gesehen, obwohl ich stets Mädchen aus bestehenden Ehen und von Unternehmern erwählte. Alle hatten sie Geschwister, so war das damals, manchmal sogar drei, obwohl sie in der Neubausiedlung und nicht bei uns um die Ecke wohnten. Zu Familien, bei denen alle Kindern auf dem Türschild standen, ging ich nie, die waren mir suspekt. Die Haustüren waren immer schwarzbraun und sie öffneten sich in einen dunkle Vorhöhle mit Garderoben und Telefontischchen. Alle anderen Türen im Haus waren ebenso wie die Fenster braun, manchmal auch dunkelbraun. Zur Auserwählten ging es meist eine Treppe hoch, bei der sich die Holzdecke bis auf die Wände ausgebreitet hatte. An den Wänden Beispiele des väterlichen Schaffens, mal moderne Brücken, mal handgemalte Logos von Sparkassen und Verkehrsbetrieben. Wohnzimmer sah ich nie, es sei denn die Eltern waren verreist und wir knutschten an ungewöhnlichen Orten, vor dem Fernseher etwa eingesunken in schweren Ledersofas, auf der ich neben ihnen hätte sterben können, wäre die Tropenholz-Schrankwand auf uns gefallen. In den Mädchenzimmern roch es nach Duftkerzen und Radiergummis und die Mädchen bereiteten mir Tee mit exotischen Namen und kredenzten sie in Tontässchen, die zu heiß zum Anfassen waren und aus denen der Tee mit den Kandisstückchen immer merkwürdig schmeckte. Unzählige Harlekine blickten uns an, auch Sarah Kay war noch da und die Ärzte schauten in Originalbesetzung vorbei. Die Mädchen saßen dort, freuten sich über mein Kommen, waren begehrenswert in dem ausgebauten Dachgeschoss und riskierten vor lauter Holzschutzmittel ihre Fruchtbarkeit. |