Stammkneipe.
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Wenn ich das Wort „Stammkneipe“ höre, denke ich an Spelunken, in denen alte, gebeugte Männer an der Theke hocken, die bunten Lichter eines Spielautomaten durch schwere Rauchschwaden kriechen und eine ungepflegte Wirtin ihren Gästen Herrengedecke vorsetzt.
Ich kenne Männer meines Alters, die gerne derartige Etablissements aufsuchen, „weil die Menschen dort so nah am Leben sind“. Vielleicht aber auch, weil sie des Lebens so fern sind dort, in ihrem Universum aus Bier, Frikadelle mit Senf und gedrechselten Eichenmöbeln. Heute heißen die Stammkneipen nicht mehr „Schenke“, sondern haben Namen wie „Fifty Four“, „Jack the Ripper“ und „Schall und Rauch“. Man geht nicht mehr dorthin, um schweigend an der Theke herumzuhängen und den Alltag zu vergessen, sondern um After-Work-Partys zu feiern und Networking zu betreiben (oder sich endlich an den scharfen Kollegen vom Controlling heranzuschmeißen). Man trinkt Caipi und Cola light statt Bier und Korn, isst Nachos und Salat statt Frikadelle und Mettwurst und spricht ohne Unterlass anstatt stundenlang durch die dunstige Kneipenluft hindurch auf sein Glas zu starren, dass man liebevoll in seinen Händen wiegt. Ich glaube, Männer brauchen regelmäßige Besuche in Schenken, um eins mit sich selbst zu werden. Ich weiß nicht, ob sie ebenso viel reden wie wir Frauen. Wahrscheinlich sitzen sie beieinander und sprechen über Frauen genauso wie wir Frauen beieinander sitzen und über Männer sprechen. Erst mit den Jahren tritt bei Männern eine Sprachapathie ein, die nach und nach in bedingungsloses Schweigen übergeht. Während der Midlife Crisis schreckt für einige kurze Jahre noch einmal die Geselligkeit aus ihrem Schlaf auf, ehe sie auf ewig ins Koma fällt. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass ich auch eine Stammkneipe habe. Es ist ein mexikanisches Restaurant mit angeschlossener Bar. Es gibt dort die besten Erdbeer-Margheritas der Stadt, und ich kann mich dort unterhalten, ohne dass mir laute Musik ständig das Wort abschneidet. Ich schleife alle meine Besucher über kurz oder lang dorthin, um mit ihnen Cocktails zu trinken und Nachos zu dippen. Frikadelle und Mettwurst gibt es dort allerdings nicht. |
Die Stammkneipe ist das Ersatzzuhause des Mannes. Wenn er sich daheim nicht mehr verstanden fühlt und Trost und Mitleidende sucht, dann wird er sich seinen Mantel überwerfen und zu seiner Stammkneipe marschieren.
Hier kann er dann endlich ganz er selbst sein. Zusammen mit Artgenossen, die aus den gleichen Gründen, wie er die häusliche Idylle geflüchtet sind, um wie er für zwei Stunden frei zu sein. Geht man regelmäßig in die gleiche Kneipe entwickelt sich unweigerlich der Stammtisch. Kein formeller Beschluß. Keine Abstimmung. Sondern, wenn jeden zweiten Abend die selben Leute in der Kneipe sitzen, sich beim Eintreten begrüßen und irgendwann immer am selben Tisch sitzen, dann hat man eben einen Stammtisch. Für den Wirt ist ein Stammtisch eine lohnende Sache. Wenig Arbeit und regelmäßige Einkünfte. Stammtische machen keinen Ärger, die wollen übermorgen ja wiederkommen. Wenn Mann also die Kneipe betritt begrüßt ihn dort neben den anderen Stammtischlern, meist auch der Wirt. Ohne ein Wort zu sagen erhält man sein Lieblingsgetränk und einen Bierdeckel, auf dem der erste Strich von vielen gemacht wird. So vorhersehbar die Art und Zahl der Getränke ist, so vorhersehbar sind die Gespräche am Stammtisch. Martin (Rechtsanwalt, Verheiratet, Zwei Kinder) träumt von einem Leben als Aussteiger in Südamerika; Sebastian (Zahnarzt, Unverheiratet) hat sich eine neue Flamme zugelegt, die all das Geld verbrennt, das er mühsam schwarz beiseite schafft; Achim (Bau, unklares Arbeitsverhältnis) möchte endlich eine Homepätsch und diskutiert lebhaft mit Wolfgang (EDV-Irgendwas, Single, Gutverdienend, Glücklich, unklar warum der hier am Tisch sitzt). Man spricht über Themen die im Büro und daheim Tabu sind. Sex, Sport, Religion, Computerspiele und semi-legale Steuertricks. Dabei übertrumpfen sich die Anwesenden gegenseitig bei der Aufzählung ihrer Erfolge im Bett und beim Finanzamt. Nur Politik ist tabu. Darum sind Stammtische auch so friedlich. Hat man die übliche Anzahl an Bier und Schnaps und die nötige Bettschwere erreicht, gibt der Wirt meistens noch ein aus, macht die Rechnung und hilft dem Gast in seinen Mantel. Schlurfenden Schrittes geht es zurück in die nächtliche Stille und den Alltagstrott. Alles was noch bleibt ist die Hoffnung auf eine bereits schlafende Frau und den nächsten Stammtischabend in zwei Tagen. |