Sucht.

Es heißt, Frauen seien shoppingsüchtig. Dieses Vorurteil weise ich weit von mir, denn das hieße ja, das weibliche Wohlbefinden hänge vom Kauf von Schuhen oder Blusen ab. Es mag hin und wieder den Anschein haben, als benötige frau ein gewisses Maß an Konsum, um ihrem Mann ausgeglichen gegenübertreten zu können. Der Kauf des perfekten Paares Schuhe euphorisiert zwar mindestens so wie mittelmäßiger Sex, allerdings können wir auch ohne Shoppen leben. Männer allerdings können das nicht. Ein Mann benötigt ständig neue Gadgets, um sich gut zu fühlen.

Statt eines papierenen Kalenders hat ein Mann eines dieser kleinen Dinger, auf die er wichtig mit einem Gummistäbchen herumtippt – und das, obwohl er sonst keine Geräte unter 2000 Watt oder 180 Pferdestärken benutzt.

Ein Mann trägt dort nicht nur Termine ein. Wenn ich mit einem Mann durch Kamprads gelb-blaues Einrichtungshaus schlendere und ergriffen vor „Appelsund“ stehen bleibe, greift er nicht etwa zu einem der bereit liegenden Zettelchen, sondern zückt seinen Aparillo, um Appelsunds Regalnummer dort einzutragen – schließlich macht es ihm seine Elektrosucht unmöglich, sich „24“ zu merken.

Selbst wenn ein Mann nur zum Supermarkt fährt, schaltet er sein Navigationsgerät ein. Er könnte ja in einen Stau kommen, um den seine Navigations-Uschi ihn herum lotst, damit er zehn Minuten später ans Ziel kommt als diejenigen, die den Stau durchfahren haben. Die kleinen elektronischen Helfer sind dem Mann keine Helfer mehr, sondern Drogen zum Stillen seiner Gadgetsucht.

Ich persönlich bin nach nichts süchtig. Auch nicht nach Schokolade, selbst wenn es vorkommt, dass ich mit komplett eingeschaltetem Speichelfluss das wohnungsinterne Süßigkeitenregal aufsuche, um aus Ermangelung von Alternativen selbst ungenießbare Zartbitterschokolade hin mich hinein stopfe. Wenn ich selbst die nicht mehr im Haus habe, esse ich auch Raspelschokolade aus dem Backsortiment oder Nutella vom Löffel. Mein Hang zu Schokolade ist allerdings keine Sucht, sondern hormonell bedingt. Er steht sogar in medizinischen Lehrbüchern und hat einen Namen: prämenstruelles Syndrom. Nichts mit Sucht.

Das gilt übrigens auch für Schuhe, Blusen, Hosen, Vasen, Liebesfilme, Handtaschen, Uhren, Diddl-Mäuse, Pralinen, Ohrringe, Porzellan jedweder Art, Duftkerzen, Likörchen, Teelichter und Teelichterhalter, Schächtelchen und Döschen, romantische Literatur, Friseurtermine, Eau de toilettes, Seifen, Haarsprays, Duschgels, Halsketten, Armbänder, telefonieren, Fingernägel feilen, Lockenwickler drehen, Schaufensterbummel, Jake Gyllenhall nackt, nach Exfreunden googeln, lästern, plappern, dekorieren, gemeinsam auf die Toilette gehen, Lidschatten nachziehen und in Modezeitschriften nachsehen, wie die Stars sich anziehen.

Wenn Männer das endlich einsehen würden, könnten wir Frauen auch über Hifi-Equippment, die Taschenmessersammlung, verchromte Haushaltsgeräte und ein Werkzeugsortiment, das einem Baumarkt zur Ehre gereicht, hinwegsehen und würden die Männer ihrer Gadgetsucht überlassen, ohne zu nörgeln.

–nessy

Männer haben sich immer voll im Griff – sie werden so erzogen. Schon in frühester Kindheit werden sie zu Härte, Leidensfähigkeit und Verzicht angehalten. Darum leiden sie auch nicht an irgendwelchen Süchten.

Einem Mann ist seine Unabhängigkeit wichtiger, als hier und jetzt immer gleich alles haben zu müssen. Männer können eine einzelne Erdnuss essen und den Rest der Schüssel den ganzen Abend über nicht mehr anrühren.

Die einzigen die sich nicht beherrschen können sind Frauen. Das liegt wahrscheinlich auch an der Erziehung oder gar einem genetischen Defekt. Wer es nicht glaubt muss ja nur mal warten bis die Frau oder Freundin mal zum Schuhe einkaufen geht. Unter vier paar Schuhen und zwei neuen Handtaschen wird sie nicht wiederkommen.

Es soll zwar gerüchteweise auch Frauen geben, die nicht unter Schuhorgien leiden, aber ich bin mir sicher, die lassen sich entweder mit Schokolade ködern oder mit Shoppingtouren ganz allgemein erwischen. Mag ja sein das Frauen sich zunehmend emanzipieren, aber spätestens hier zeigt sich, wer sich im Griff hat und wer nicht.

Ich weiss schon was die Frauen jetzt einwenden. Sie werden von Rauchern und Alkoholikern anfangen. Aber nur um es mal klarzustellen: Männer sind keine Alkoholiker, sie trinken höchstens mal einen über den Durst, „mit den Jungs“.

Und die Zigarette im Mundwinkel ist cool und hat auf gar keinen Fall etwas mit Nikotinsucht zu tun.

Laptops, USB-Sticks, Autos, Hifi-Equipment, CDs, DVDs, MP3-Player, Auto-tuning-kits, Laufschuhe, Hanteln, Expander, Bikes, Taschenmesser, Discokugeln, Zippo-Feuerzeuge, der Geruch von Autoreifen, Blechsoldaten, Bierkrüge, Billiardqueues, Tennisschläger, Skiausrüstungen, Krawatten, Sex, Chips, Software, Downloads, DSL, VoIP-Telefone, Handys, Modelleisenbahnen, Ramazottigläser, Taschenuhren, Palms und PDAs, Halogenlampen, verchromte Haushaltsgeräte, Fernbedienungen, Videorecorder, Boxen, Zelte, Grillzubehör, Campingausrüstung, Schmuddelbilder, Webforen, Blogs, Metallbaukästen, Chemiebaukästen, Feuerwerkskörper, Rasenmäher, Briefmarken, Liköre, Fussball, Hämmer, Sägen, Feilen, Nägel, Dübel, Spachtelmasse, Liebschaften, Erorberungen, Nervenkitzel, Abenteuer, Kronkorken, Dosensammlungen, Black Jack, Roulette, einarmige Banditen, Poker, Skat, World of Warcraft, Siedler, Empire Earth, Flugsimulatoren, Autorennspiele, Schöne Frauen in Unterwäsche (oder noch besser ohne Unterwäsche), Bodybuildung und Britney Spears haben überhaupt nichts mit Sucht zu tun.

Wenn Frauen das endlich einsehen würden, dann könnten wir Männer ja auch über Modemagazine, Strickzeug, Rezepte und „Schöner Wohnen“ hinwegsehen und würden den Frauen dann auch einfach ihrem Putzfimmel überlassen ohne zu nörgeln.

–Mann²

20 / November / 2006  Zweierpack 
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