Männerduft. Frauenduft.

In der Nacht sind wir heimgekommen. Er ist noch schnell unter die Dusche, um sich Qualm und Kneipe vom Körper zu waschen. Jetzt, am Morgen, wenn wir unter dem warmen Federbett liegen und ich mich von hinten an ihn schmiege, meinen Arm um seine Brust lege, meine Nase in seinem Nacken vergrabe und tief einatme, ist das Leben vollkommen.

Szene zwei, S-Bahn, nachmittags. Ich sitze am Fenster. Regen perlt die beschlagenen Scheiben hinab. Ich lupfe meinen Jackenärmel und wische über das Glas. Die Bahn hält. Menschen steigen aus. Menschen steigen ein. Die Türen schließen sich. Plötzlich ist er da, hinter mir. Vergangene Gefühle flackern auf. Ich schließe die Augen. Schwimme im Meer des Gewesenen, tauche unter, genieße, tauche wieder auf.

Ich drehe mich um. Der Fremde hinter mir schlägt ein Buch auf, sieht aus dem Fenster, schaut mich an, blickt auf sein Buch. Ich wende mich wieder nach vorne und bin ergriffen von der Welle der Empfindungen, die über mich hinweg rollt.

Er ist ein Unbekannter. Nur sein Rasierwasser ist mir vertraut. Ich atme tief ein, möchte mehr erhaschen, aber die Gewöhnung hat bereits eingesetzt. Ich rieche kaum mehr den einzelnen Duft im Gewimmel der Gerüche.

Das wirksamste Mittel, das ein Mann hat, um mich zu verzaubern, ist sein Duft.

Sein Aussehen ist wichtig für den ersten Eindruck. Sein Charme erobert mein Herz. Aber es ist sein Duft, der mich endgültig in seinen Bann zieht.

Der schönste, attraktivste, verführerischste Ort, an dem sich der Duft eines Mannes entfaltet, ist die Stelle, an der sein Haaransatz endet und sein Hals in die Schulter übergeht. Wie wunderbar ist es, sich in einem Augenblick des Innehaltens zu ihm zu beugen, die Wange an seine zu schmiegen und mit geschlossenen Augen einzuatmen!

Der Duft eines Mannes bleibt, auch wenn der Mensch längst gegangen ist.

Bilder wecken Erinnerungen. Doch es sind die Düfte, die Gefühle transportieren. Flüsternd erreichen sie mein Herz und erzählen ihm Geschichten. Es braucht nur einen Hauch, schon erwischt mich die Reminiszenz wie ein Funken, der trockenes Stroh entfacht.

Sollten wir uns also einmal treffen und ich beuge mich zu später Stunde leicht zu Dir hinüber, um an Deinem Nacken zu riechen, hast Du mein Herz bereits erobert. Nur die letzte, bedeutendste Prüfung musst Du noch bestehen.

–nessy

Seit ich sechs Jahre alt war und meinem Vater bei der Reparatur des Familienwagens zuschauen durfte, verbinde ich den Duft von Maschinenöl und Benzin mit Männern. Meine Mutter hätte die Garage nur im Notfall betreten und damit sind alle Düfte dieser Männerdomäne automatisch Männerdüfte.

Und wann immer meine Nase Öl, Benzin, heißen Gummi oder einen dieser unbestimmten leicht muffigen Garagen- und Kellerdüfte wahrnimmt fühle ich mich nach Hause zu meinem Vater versetzt.

Ein ähnlicher Mechanismus versetzt mich bei Essensgerüchen, Backaromen und Putzmitteln zu meiner Mutter. Diese Düfte sind auf ewig mit dem Weiblichen in meinem Gehirn verdrahtet.

Das heisst natürlich nicht, daß ich Männer sympathisch finde, die in einem Meeting sitzen und nach Motorschmiermittel riechen. Ganz im Gegenteil. Es muss alles seine Ordnung haben. Und Motorenschmiermittel gehört ebensowenig in ein Meeting wie kalter, säuerlicher Schweiß oder eine Bierfahne. Auch wenn dies alles Düfte sind, die ich sofort mit Männern verbinde.

Genausowenig Freude hätte ich an Frauen, die in einer Besprechung, nach Backwaren duftend auftauchen. Davon bekäm ich vielleicht Hunger, aber die betreffende Dame hätte nichts an Attraktivität oder Sympathie gewonnen.

Im Normalfall erwarte ich, daß Männer möglichst nach gar nichts riechen und Frauen dezent nach Flieder, Lavendel oder Zitronenmelisse duften. Für Männer ist das einfach. Mit ein wenig Kernseife, ph-neutralen Duschgels und aromafreien Shampoos läßt sich diese Geruchsneutralität schnell erzielen. Wer möchte darf auch noch ein dezentes Deo, der Marke „Nivea – Riecht nach nichts“ benutzen.

Allerdings habe ich das Gefühl, daß Frauen es deutlich schwerer haben. Die meisten Frauen tragen um sich herum eine Duft- und manchmal sogar Dunstglocke aus tausend verschiedenen Noten und Aromen. Innerhalb einer Viertelstunde leidet Mann in der Nähe solcher Frauen unter Atemnot und nach zwei Stunden verliert Mann dann die Besinnung. Es sind die Kompositionen aus Vanilleshampoo, Rosenduftduschgel und Chanel No. 1-37 die uns erst fast erschlagen und dann nach einer Weile betäuben.

Frauen glauben irrtümlicherweise immer wieder, das Ganze wäre betörend und sie würden dadurch anziehender auf Männer wirken. Weit gefehlt. Ein einzelner Duft konsequent angewandt wäre hier deutlich erfolgreicher.

Im schlimmsten Fall könnten Frauen es ja mal Motoröl versuchen. Vielleicht findet sich demnächst ja in der Drogerie Ihres Vertrauens das entsprechende Parfüm.

–Mann²

13 / November / 2006  Zweierpack 
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