Der Friseur.

Mir sagte einmal jemand, Frauen hätten ein erotisches Verhältnis zu ihrem Friseur. Das ist natürlich de facto nicht wahr und – seien wir ehrlich – auch nicht möglich, da die meisten Frisöre ebenso wie Flugbegleiter, um hier mal tief in der Klischeekiste zu kramen, eher gleichgeschlechtlich orientiert sind.

Und doch stimmt es: Der Frisör ist der Intimfreund der Frau. Er fährt mit seinen Fingern durch ihr Haar, wie es sonst nur ihr Liebhaber tut. Er nimmt es im Nacken zusammen, hebt es hoch, zieht leicht daran, so dass sie ihren Kopf nach hinten nimmt und ihren Hals freigibt, um dem sanften Schmerz nachzugeben.

Die Haare einer Frau sind ihre Hülle, ihr Schutz, ihr Blickfang und ihr Köder. Die Haare einer Frau sind ein Signal. Sie sprechen ihre eigene, stumme Sprache und spiegeln das Innere ihrer Trägerin mehr wider als jedes andere Merkmal.

Deshalb empfindet eine Frau nicht nur Freude, wenn sie zum Friseur geht. Der Gang zum Friseur ist wie der Gang zum Zahnarzt. Er muss sein. Er ist befreiend, er tut gut, aber er macht Angst.

Was, wenn der Friseur daneben schneidet? Wenn er aus einem Vamp eine Mutter Beimer macht? Wenn er nicht versteht, was seine Kundin ihm sagen möchte? Wonach sie sich sehnt? Wenn er nicht erkennt, wer sie ist und wer sie sein möchte? Wenn er ihr den Spiegel vorhält und sagt: Du möchtest aussehen wie ein Star, aber du bist nicht einmal ein Sternchen.

Du bist du, egal, zu welcher Seite ich dir deine Haare kämme, wie viel ich abschneide und wie lange ich föne.

Zweifellos gibt es nicht nur Frisöre, sondern auch Frauen, die beruflich Haare wuscheln. Sie haben meist ein gesteigertes Mitteilungsbedürfnis und gestalten die Köpfe ihrer Kundinnen dergestalt, wie sie es für richtig halten.

Sie erzählen vom Wetter, von dicken und dünnen Haaren, von den Brillianzeffekten durch Foliensträhnen und dass sie früher täglich die Haarfarbe wechselten, ihre Wankelmütigkeit aber der Substanz ihrer Keratinfusseln nicht gut tat.

Wenn ich den Frisör verlasse, wasche ich mir übrigens als erstes die Haare. Warum? Um den Geruch von Frisör loszuwerden, der ebenso eindringlich ist wie der des Zahnarztes. Und um mich mit meinen neuen Haaren anzufreunden – auch wenn ich nur Spitzen schneiden war.

–nessy

1872 entdeckte Marcel Grateau die Ondulation. Das künstliche Einbringen von Locken oder Wellen ins Kopf- oder Barthaar. Der Vorläufer der Dauerwelle. Hätte der Bursche damals einfach die Klappe gehalten, dann hätten sich Männer überall in der Welt viel Sparen können. Nicht nur Geld, das sie für den Friseurbesuch ihrer Angebeteten zahlen müssen, sondern auch Ärger, wenn sie mal wieder ein wenig auf dem Schlauch gestanden sind und die neue Frisur der Hausdame nicht bemerken.

Der Friseur wäre dann einfach ein Ort geblieben, an dem Mann und Frau sich ab und zu die Haare stutzen lassen, wenn diese mal wieder nicht mehr unter den Hut, die Haube oder den Helm passen. Statt dessen haben sich Friseure in so eine Art freibeuterische Unternehmungen verwandelt, die mit Hilfe von Schere, Kamm, Rasiermesser und tausend kleiner Elixiere aus reichen Männer arme und aus Frauen hysterische Zicken machen.

Bis zum fünfzehnten Lebensjahr lassen sich Männer (die sie da noch nicht sind) die Haare von Mutti in der Küche schneiden. Kopf waschen. Topf drauf. Drumrumschneiden. Fertig. Das ist einem zwar mit sechszehn peinlich, rettet die meisten Männer aber später in ihrem Leben beim Friseur. Mädchen, die deutlich früher auf Muttis Haarschneidekünste verzichten, werden dem Friseur bereits in einem Alter ausgesetzt, indem sie noch besonders leicht zu verführen sind — zu neuen Farben, besagter Ondulation und massiv Gel.

Das ist der Grund warum Frauen 140 € beim Friseur lassen und Männer 15 €. Männer gehen nämlich nach Möglichkeit spontan in den nächsten Friseursalon (wobei das Wort „Salon“ dabei nicht einmal gedacht wird) und fragen nach ob man gleich drankommen könnte. Inzwischen wissen auch Friseure das Männer so sind und finden meistens noch irgendwo im Kalender einen freien Slot. Das bisschen Wartezeit vertreiben wir uns mit der drei Monate alten Ausgabe des Lesezirkels von „Auto, Motor und Sport“.

Auf die Frage wie wir es denn gerne hätten, antworten wir mit „Kürzer!“. Beliebt ist der Facon-Schnitt: Ohren frei, oben kurz und hinten ausrasiert. Solange das Alles fachkundig von einer Frau durchgeführt wird. Wir trauen nämlich anderen Männern nicht besonders weit. Und wir würden uns niemals gut fühlen mit einem Mann, der hinter uns steht und das Rasiermesser am Nacken ansetzt. No Way.

Wenn wir dann auch noch ein wenig die Haare bekrault bekommen, von der hoffentlich gutaussehenden Friseurin, dann war es die 15 € auch wirklich wert und wir gehen zufrieden wieder nach Hause.

–Mann²

6 / November / 2006  Zweierpack 
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