Koffer Packen

Früher war alles anders. Früher brauchte ich kein Gepäck.Spontan entschloss ich mich nach durchfeierter Nacht, bei meinem Freund zu bleiben. Wir schlüpften abends aus unseren Klamotten und morgens wieder hinein. Nach dem Aufstehen gab ich mir Zahnpasta auf den Zeigefinger und verscheuchte den Nachtgeschmack mit alibihaftem, pfefferminzduftendem Zähnestreicheln. Meine Haare wusch ich mit dem Männerduschgel des Liebsten, eine Gesichtscreme hatte meine apfelblütengleiche Haut ohnehin noch nie gesehen.

Roch mein T-Shirt streng nach der vergangenen Nacht, nach Bier, Kippen und dem Schweiß des Tanzens, warf mein Freund mir eines seiner Hemden zu. Ich zog es an und sah sexy aus, wie ich so dastand, in Slip und übergroßem Herrenhemd, die nackten Beine cellulitefrei, der Bauch flach, die Füße nackt.

Als ich Anfang 20 war, begann ich, eine Wechselunterhose und meine Zahnbürste in einen Rucksack zu stopfen. Ein Wechsel-T-Shirt war ebenfalls mit von der Partie, doch wurde es kalt, musste ich mir den Pullover eines anwesenden Mannes ausleihen. So saß ich sommernachts um drei auf Terrassen, die Beine an den Leib gezogen, eingewickelt in Wollpullis mir den Rücken wärmender Männer.

Auf Jugendfreizeiten nahm ich vier Shirts, zwei Hosen, Bikini und eine Tube Rei mit. Dazu Sonnencreme und eine Haarbürste – das genügte, um den Jungs zu imponieren.

Übernachte ich heute bei Männern, muss ich einen Fön mitnehmen, weil sie mangels Haaren keinen mehr besitzen. Ich brauche Haarschaum, eine normale Bürste zum Auskämmen, eine Rundbürste zum Frisieren, eine Creme für die trockene, alternde Gesichtshaut, ein zweites Paar Einmalkontaktlinsen gegen die Altersblindheit, Zahnpasta, Zahncreme, Haarspray und Bodylotion, weil die Haut nach dem Duschen so sehr spannt. Nehme ich eine zweite Hose mit, benötige ich ein zweites Paar Schuhe, weil das erste Paar nicht zur zweiten Hose passt.

Für den Urlaub muss ich außerdem einpacken: Pullover, falls es kalt wird, jede Menge T-Shirts, Blusen für gut, kurze und lange Hosen, mal einen Rock, Sandalen und Strandschlappen, Tampons, Slipeinlagen, BHs, Socken, Baumwollslips für den Alltag und Dessous für … – Ihr wisst schon, die Reiseapotheke, Schuhcreme, eine Jacke, ein Kopftuch gegen die Sonne, meine Handtasche, Bücher für lange Abende – schließlich tanzt man die Nächte nicht mehr durch -, für den Winterurlaub lange Unterhosen, Mütze, Schal und Handschuhe.

Sollte ich jedoch jemals ein Reisebügeleisen einpacken, darf mein Begleiter alles aus dem Koffer werfen, was er für sinnlos erachtet, und es durch eine Tube Rei ersetzen.

–nessy

Ich habe noch keine Frau kennen gelernt, mit der Verreisen Spaß machen würde. Versteht mich nicht falsch. Das-Sich-Am-Zielort-Befinden ist meistens völlig ok, aber der Prozess des Dort-Hingelangen und des Koffer Packens sind alles andere als erfreulich.Spätestens wenn Mann auf dem letzten der sieben 80-Liter-Koffer sitzt und mit beiden Knien zudrückt, während Er unter Auferbietung der letzten Kraftreserven den Reißverschluss zuzieht, wird Sie noch mit ein paar Kleinigkeiten kommen und darauf beharren, dass diese auch noch irgendwo untergebracht werden — schließlich habe Mann ihr eh schon alles Wichtige verboten mitzunehmen, und sie wisse absolut nicht, wie sie mit dieser Minimalausrüstung eine ganze Woche überleben soll.

Das ist dann normalerweise der Zeitpunkt, an dem ich beschließe, allein zu verreisen. Von alleinreisenden Männern könnten Frauen nämlich eine Menge lernen, insbesondere was den Minimalismus angeht. Alles, was nicht notwendig ist, bleibt nämlich daheim. Und notwendig ist nur das, was einen davor bewahrt, am Zielort die Regeln von Sittlichkeit und Anstand zu verletzen.

Im Lauf der Jahre habe ich einige Routinen und Regeln entwickelt, die mir helfen, alles für eine drei-Tage-Geschäftsreise incl. Notebook und Handy in einem Standardbürorucksack und den Bedarf für fünf Tage Urlaub in einer einzigen Sporttasche normaler Größe unterzubringen.

Dazu gehört, dass ich ein paar Tage vor Reiseantritt zum Friseur gehe und mir dort einen Haarschnitt verpassen lasse, der sowohl einen Fön als auch einen Kamm unnötig macht. Das sieht zwar nicht immer gut aus, aber es spart mindestens 500 Gramm Gepäck. Weitere 350 Gramm spart man sich, indem man zwei Wochen vorher beginnt, einen Bart wachsen zu lassen, um kein Rasierzeug mitnehmen zu müssen.

Aber das sind natürlich nur Kleinigkeiten. Den größten Teil spart man bei der Kleidung. Unterwäsche wird abgezählt. Vorsichtige Naturen können hier auch gerne noch eine Reserveunterhose und ein paar Ersatzsocken einpacken, aber nicht mehr. Mehr als eine Hose nimmt man nur mit, wenn man länger als vier Wochen verreist. In der Zwischenzeit trägt man eine dunkle Hose, auf der Schmutz nur schlecht zu sehen ist und die sich im Notfall leicht ausbürsten lässt.

In der Oberbekleidung gilt das Zwiebelprinzip. T-Shirts, ein paar Hemden und maximal ein Pullover komplettieren die Reiseausrüstung. Damit ist Mann eigentlich gut gerüstet, und mit ein bisschen Glück kriegt man das ganze Gepäck noch als Handgepäck in den Flieger.

Am Zielort angekommen, stellen wir dann fest, dass wir leider nichts zu lesen dabei haben und auch den iPod nicht mitgenommen haben, und dann wünschen wir uns plötzlich, wir hätten die Frau nicht daheim gelassen.

–Mann²

16 / Oktober / 2006  Zweierpack 
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