Die 3-Tage-Regel
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Das Telefon schweigt. Anklagend liegt es auf dem Wohnzimmertisch. Ich nehme es hoch, lege es wieder hin. Gehe im Zimmer umher. Gehe hinaus. Gieße die Blumen. Putze Staub. Rufe mich mit dem Handy selbst an. Der Ruf geht durch. Kein Defekt in der Leitung.
Ich muss unbedingt Jenny sprechen. Vielleicht weiß sie Rat. Aber wenn er ausgerechnet jetzt anruft? Ich lege den Hörer zurück. Seit ich ihm meine Nummer gegeben habe, sind 47 Stunden vergangen. Vielleicht muss er viel arbeiten. Er hat doch wohl keine Freundin? Oder ist gar verheiratet. Ich habe keinen Ring gesehen. Aber das muss nichts heißen. Vielleicht hat er mich längst vergessen. Hat nur aus Höflichkeit mit mir geredet. Wenn er etwas von mir wollte, hätte er schon angerufen. Mich zum Abendessen eingeladen. Zwei Tage – so lange lässt man niemanden warten. Aber vielleicht hatte er gestern Abend etwas vor. Verpflichtungen, die er nicht aufschieben konnte. Dann ruft er mich bestimmt heute an. Vielleicht ruft er aber auch gar nicht an. Hätte ich bloß nicht über die Tussi am Tisch gegenüber gelästert. Das fand er bestimmt überheblich. Was, wenn ich gar nicht sein Typ bin? Aber dann hätte er mich doch nicht so angesehen, oder? Mit diesem bestimmten Blick. Das Telefon schweigt weiter. Ab wann muss ich aufhören zu hoffen? Ich rufe mich nochmal an. Alles normal. Ich beginne, ihn zu hassen. Der feige Sack hat noch nicht mal den Arsch in der Hose, mir einen Korb zu geben. Erst umarmt er mich innig zum Abschied, dann lässt er nichts mehr von sich hören. Dabei kann er sich vorstellen, wie ich leide. Meine Zeichen waren schließlich eindeutig. Nur ein ignoranter Dünnbrettbohrer kann nicht merken, dass ich etwas von ihm will. Bestimmt hat er Frau und drei Kinder. Sollen die doch mit ihm glücklich werden. Wahrscheinlich labt der Wurm sich an dem Gedanken, wie sehnsuchtsvoll ich auf seinen Anruf warte. Aber das kann er sich knicken. Den Triumph gönne ich ihm nicht. Ich gehe jetzt shoppen. Und sollte er es jemals wagen, hier anzurufen, werde ihm sagen, wie armselig ich sein Verhalten finde. „Hallo … ja, ich dich auch … würde dich auch gern wiedersehen … *kicher* … du Schelm … okay, bis gleich dann … ich freu mich auch … bis gleich …“ Hab ich’s doch gleich gewusst! Er steht auf mich! |
Die erste große Liebe in der Schule war noch einfach. Zum einen, weil das Ganze noch nicht Liebe hieß, sondern man maximal mit einem Mädchen „gehen“ wollte – und zum anderen, weil keinem so richtig klar war, was das eigentlich bedeutete. „Mit jemandem gehen“ war eine Aktivität, die Mann in der Schule nicht so richtig verstand, die aber meist aus gruppendynamischen Gründen ungeheuer wichtig war – schließlich ging der Klassenobermacker schon seit drei Wochen mit einer und hatte seitdem aus nicht erfindlichen Gründen innerhalb der Klasse an Status und gefühlter Größe gewonnen.
Außerdem war niemand beleidigt, wenn das anvisierte Mädchen nicht wollte. Und weil das alles so einfach war, brauchte man auch nur einen Zettel, auf dem Mann freundlich anfragte: „Willst du mit mir gehen?“ Praktischerweise fügte man dem Zettel noch zwei Kästchen zum Ankreuzen hinzu. Ja oder Nein waren die einzigen bekannten Optionen. Wenn es nicht klappte, dann fragte Mann die nächste. Wäre doch alles so einfach geblieben. Seit auch Männer auf emotionale Intelligenz und Einfühlungsvermögen Wert legen, sind sie auch empfindlicher und verletzlicher geworden. Erhält Mann heutzutage eine Abfuhr, dann geht er nicht einfach auf die nächste zu, sondern er geht sich die Wunden lecken und verkrümelt sich im hintersten Eck seiner zur Höhle umfunktionierten Wohnung. Darum sind die Balzrituale erwachsener Männer auch deutlich komplizierter als in der vierten Klasse. Heute reichen einfach Ja- und Nein-Kästchen nicht mehr aus. Erst geht man die Dame ausführen, und wenn es nett war, ruft man noch mal an und fragt höflich nach einem Folgedate. Dabei stellt sich dem hilflosen Mann die Frage „Wann kann ich wieder anrufen?“. Ruft er zu schnell wieder an, dann ist er aufdringlich. Ruft er zu spät an, dann wirkt er vielleicht nicht interessiert genug – oder schlimmer noch: Die Auserwählte könnte in der Zwischenzeit jemand anderen erhört haben. Um dem Mann aus diesem Dilemma zu helfen haben hilfreiche Mitmenschen die Drei-Tage-Regel erfunden. Nach drei Tagen sollte er anrufen. Angeblich wäre das nicht zu spät und nicht zu früh. Woher diese Weisheit stammt ist mir nicht bekannt und eigentlich habe ich mich auch noch nie wirklich daran gehalten, denn leider sagt die Regel überhaupt nichts darüber aus, ob Mann vormittags oder nachmittags anrufen sollte. Oder wohin man zum zweiten Date gehen sollte und ob man nach drei Tagen bereits „ich liebe dich“ sagen oder einen Heiratsantrag stellen darf. |