Herbst.

   
Herbst ist wie seine Tage haben: feucht und unangenehm. Man fühlt sich kränklich, mag den Tag in der warmen Badewanne verbringen und empfindet einen ununterdrückbaren Hang zu Naschwerk.

Herbst ist ein einziger Bad Hair Day: Ich kann mich morgens föhnen, meine Haare mit Festiger betonieren – ein Gang durch neblige Herbstluft, und meine Keratinfäden hängen schlaff vom Schädel. Die sexy Sommermode bleibt im Schrank, frierend wirft sich frau in eine unförmige Winterjacke, um sich mit rot geschniefter Erkältungsnase durch Nieselregel in den nächsten Teeladen zu schleppen und heimelige Kräuter für die Seele zu kaufen.

Doch halt – versteckte sich nicht ein Vorteil des Herbstes in diesem Satz? Richtig – die unförmige Winterjacke. Denn hat frau Figurprobleme, sehnt sie den Herbst schon im Juni herbei. All diese bauchfreien Tops, kurzen Röcke, armellosen Shirts, hautengen Blusen und knappen Bikinis – sie führten uns bislang täglich, ja minütlich unsere körperlichen Unzulänglichkeiten vor Augen. Sie schrieen uns an: Nimm ab, dann kannst Du mich anziehen! Nicht so die Wintermonate: Ab Größe 42 kann sich ein Wollpulli doch erst Wollpulli nennen! Vorher ist er allenfalls ein breites Fädchen, nicht aber eine kuschelige Heimstatt gegen das Unbill des Wetters.

Da sind wir auch schon beim zweiten Vorteil: Sommerschlussverkauf. Begleitet vom dritten Vorteil: neue Herbstmode. Mit dem Wetterumschwung erwachen in mir schlafende Herbsthormone und lösen einen wahnhaften Kaufzwang aus. Die Angst, die kommenden Monate vor Kälte bibbernd in dünnen T-Shirts verbringen zu müssen, wirft mir Strickwaren in den Einkaufskorb – nur damit mir daheim einfällt, dass unter meinem Bett ein kompletter Koffer mit Wintermode schlummert, die im Mai aus Platzgründen den Kleiderschrank verlassen musste.

Leider weiß der Mann den Herbst nicht zu würdigen. Für ihn bedeutet trübes Wetter Verlust: WM, Frauen in kurzen Röcken, Motorradtouren durch die Eifel – alles Vergangenheit. Das Schlimmste: Der Grill muss zurück in den Keller. Des Mannes liebstes Ritual, Zeichen seiner Männlichkeit, neuzeitliches Symbol des Mammutjagens, wird eingemottet. Behelfseinrichtungen wie Nikolaus- oder Erstes-Schnee-Grillen minimieren den Verlust nur peripher. Wollte man es nachprüfen, ich wette, das Ende der Grillsaison hat Auswirkungen auf den männlichen Testosteronspiegel.

Doch liebe Männer, blickt nach vorn. Der Winter naht. Eurem Weib wird kalt. Es möchte gekuschelt werden. Und wenn man dann so beieinander liegt zwischen den Federbetten, sich gegenseitig wärmend – reißt Eurer Frau die Wollsocken von den Füßen und erklärt ihr die Physik: Denn wer friert, benötigt Reibungswärme.

–nessy

Der Herbst ist die Jahreszeit für die Verlierer des Sommers, denn nicht für jeden Mann ist der Sommer die schönste Zeit des Jahres. Warmes Wetter, blauer Himmel, Sonnenschein, Grillparties, Beachvolleyball und bis nachts um eins draußen im Biergarten sitzen sind natürlich ohne Frage die angenehmem Seiten der Saison (wenn nicht gar die schönsten Seiten des Jahres). Allerdings hat auch der Sommer seine Schattenseiten.

Nicht jeder Mann geht nämlich wöchentlich den Sixpack im Fitness-Studio trainieren oder wenigstens den leichten Speckgürtel aus dem letzten Winter abtrainieren. Nicht jeder Mann legt sich im Sommer ins Freibad, um diesen gesunden und gut aussehenden Braunton hinzukriegen, der immer ein wenig nach Urlaub in Südfrankreich aussieht.

Dauernd müssen diese Männer mit ansehen, wie braungebrannte Sunnyboys mit Muskeln wie Schwarzenegger ihnen all die hübschen Frauen vor der Nase wegschnappen. Da kann Mann noch so humorvoll, charmant und intelligent sein – kaum kommt so ein Muskelpack mit dem passenden strahlenden Gebiss vorbei, ist die Traumfrau weg.

Der Herbst ist die Gelegenheit, das wieder wettzumachen. Witterungsbedingt verschwinden nämlich die Muscle-Shirts im Schrank und machen gemütlichen Pullovern Platz, durch die keine Frau der Welt mehr einen Sixpack sehen kann. Blasse Waden verschwinden unter langen Hosen, und statt die Traumfrau auf die nächste Beachparty zu schleppen, geht Mann mit der Dame abends ein Glas Rotwein trinken, Flammkuchen knabbern und intelligente Gespräche führen.

Hier endlich kann der Intellektuelle den Muskelprotz ausstechen, und Frauen haben die Gelegenheit herauszufinden, dass dreiviertel des Jahres mit einem Sunnyboy langweilig sind. Ganz der Gentleman halten wir den Damen den Regenschirm, begleiten sie geduldig in den Sommerschlussverkauf, wählen die neuen Herbstmoden mit ihr aus und hoffen auf ein klein wenig Anerkennung und ein Folgedate. Wer viel Glück hat, schnappt dem Sunnyboy die frische Beute des Sommers wieder ab.

Erfreulicherweise kommt hinzu, dass Mann im Herbst nun auch endlich einige der Frauen wahrnimmt, die im Sommer eher ein Dasein im Schatten schlanker Blondinen in hautenger Kleidung fristeten. Ab und zu entdeckt Mann nämlich hinter einem Äußeren, das einem ersten beim zweiten Blick als hübsch auffällt, einen scharfen Verstand, Sinn für Humor und andere Kleinode des Charakters, die erst im goldenen Herbst auf romantischen Spaziergängen wie Perlen aus einer Muschel befreit werden.

Und die nächsten neun Monate verbringen wir dann damit, endlich unser Äußeres in Form zu bringen, damit auch wir mal zu den Sunnyboys gehören.

–Mann²

2 / Oktober / 2006  Zweierpack 
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