Zusammenziehen.

   
Zusammenziehen ist die hohe Schule der Mann-Frau-Beziehung. Die Bewährungsprobe schlechthin. Diejenige Frau, der es gelingt, mit ihrem Liebsten eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, ohne sich bis aufs Blut zu verfeinden, hat gute Chancen, dass ihre Beziehung bis zum Lebensende, mindestens aber bis zum nächsten Seitensprung hält.

Zieht sie zu ihm, bedeutet dies, dass er seine Wohnung binnen drei Wochen nicht mehr wiedererkennt. „Was? Die Wkiskeysammlung soll im Wohnzimmer bleiben? Die ollen Flaschen staube ich nicht ab!“ – und drappiert ihre Teddybären auf der Sofalehne. Wagt er es, sich negativ über „diese plüschigen Fellgurken“ zu äußern, die töricht glotzend sein Männersofa aus Sportlederbezug bevölkern, winkt sie hochmütig ab: Dieses „Ungetüm von schlechtem Geschmack kommt sowieso raus“, stattdessen stelle sie sich „etwas Mediterranes“ vor, vielleicht „in Lachs“. „Lachs?“ schreit er in einem Anfall von Hysterie, der eigentlich ihr vorbehalten bleiben sollte. „Ich will mein Sofa doch nicht essen!“ Woraufhin sie einwendet, dass er „noch nie den geringsten Sinn für Schönes“ gehabt hätte, wie man an den zum letzten Weihnachtsfest geschenkten Ohrringen bemerken könne. Das wiederum trifft ihn ins Herz, er bezichtigt sie der Heuchelei. Sie entgegnet, er habe sie ohnehin nie geliebt. Und schon wird geschieden, was nie verheiratet war.

Zieht er zu ihr, kann er seinen Hausstand gleich auf den Sperrmüll geben. Jede Kiste, mit der er in ihrer Wohnung erscheint, wird missbilligend beäugt und landet nur unter Einsatz sämtlicher rhetorischer Mittel im Keller und nicht direkt bei der Caritas. Lediglich seine Musikanlage nebst Surround Sound darf er aufbauen. Während er noch die letzten Kabel anschließt, dekoriert sie bereits die markanten, mehrere tausend Euro teuren Designerboxen mit Trockenblumen.

Ziehen beide aus ihrer Jungesellenwohnung in eine gemeinsame neue, besteht das wenigste Konfliktpotential. Da aber weder seine funktionale Herrenküche bei ihr noch ihre in zartem Rosé gehaltene Schlafzimmerspielwiese bei ihm Anklang findet, muss eine komplett neue Möblierung her, bei deren Erwerb der kleinste gemeinsame Nenner keinem von beiden gefällt. Weil er beim Zusammenschrauben von Schränken den Helden gibt, aufgrund mangelnden Talents aber kläglich und fluchend scheitert, ruft sie ihren Vater herbei, was ihn tief in seiner Ehre kränkt.

Beim ersten romantischen Diner in der gemeinsamen Küche ist der Stress jedoch vergessen. Jetzt fehlt zum gemeinsam Glück nur noch der Trauschein. Aber das ist eine andere Geschichte.

–nessy

Seitdem das Zusammenziehen nicht mehr automatisch zu Hochzeit und Kindern führt und die Alten es schon lange aufgegeben haben sich über die „wilde Ehe“ zu beklagen, haben auch Männer viel Spaß an dem Nestbau auf Zeit –- immer mit der Option auf Verlängerung. Außerdem bildet man sich oft ein das Zusammenziehen sei die richtige Mischung aus allen Vorteilen einer WG und einer Beziehung, deren Nachteile vernachlässigbar wären.

Einfach haben es alle die zu ihrer Freundin ins fertige Nest ziehen oder die Freundin zu sich ziehen lassen. Aber gerade der erste Fall führt oft dazu, dass Mann sich nicht so richtig zuhause fühlt und in den meisten Fällen ist es auch so, dass mit einer gemeinsamen Wohnung auch fast von allein der Platzbedarf steigt. Allein die Unterbringung von 23 Paar zusätzlichen Schuhen stellt eine gewisse Herausforderung dar.

Die Lösung ist also eine gemeinsame neue Wohnung. Hat man sich mal auf eine gemeinsame Wohnung geeinigt, den Makler bestochen und die Wände gestrichen beginnt der Stress erst richtig: Möbel aussuchen und Wohnung einrichten.

Da es sich nicht lohnt mit Frauen über die Einrichtung einer Wohnung zu streiten, da Mann am Ende meist verliert, sind diese Entscheidungen der Frau zu überlassen und dabei lediglich interessiert drein zu schauen und unterstützend zu wirken. Die Forderung nach Unterstützung bezieht sich ja eh meist auf „Kannst du das mal die fünf Stockwerke rauftragen?“ oder „Darf ich deine Kreditkarte zum Bezahlen der Möbel nutzen?“ und kommt uns Männern ganz gelegen – zumindest mehr als um Ratschläge in Bezug auf Polsterfarben angegangen zu werden.

Clever ist, wer sich von seiner Freundin mindestens ein Vetorecht einräumen läßt. Wer dies versäumt muss unter Umständen mit leichten Pastelltönen und bunten IKEA-Aufbewahrungsboxen leben. Anschliessend verbringt man mehrere Monate damit alles einzuräumen, wieder umzuräumen, die Möbel umzustellen, seine eigenen kleinen Schätze vor dem Müll zu retten und sich hin und wieder herzzerreißend zu streiten.

Das ganze endet normalerweise erst mit Trennung, Scheidung oder Tod eines der beiden Partner. Das Stück zwischen dem Zusammenziehen und dem Ende nennt man dann „Zusammenleben“ und ist der Grund, für den man den ganzen Wirbel eigentlich losgetreten hat.

Nur für den Fall, dass ihr das in der Zwischenzeit aus dem Blick verloren habt.

–Mann²

4 / September / 2006  Zweierpack 
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